Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1887)
- Article
- Deutschland : Aus Westpreußen [Nachricht]
- Date
- 1887-08-11
- Page
- 509 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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509 kann? Sollte wirklich gar kein' Mittel gefunden werden können, um ein solches schrecklich gerechtes Verfahren durch'ein weniger hartes ersetzen zu können? Sollte gar keine Verständigung möglich sein? Wo sollen die Unglücklichen bleiben?? Es möchte vielleicht nicht ganz uuangezeigt sein, auch diese Frage zum Auskrage zu bringen, zur Lösung im Geiste der Liebe, die die Religion lehrt, im Geiste der Humanität, welche ja ein integrirender Thcit der Kultur ist. Oesterreich-Ungarn. J. Aus Tirol, 1. August. Das herrliche GebirgSland der österreichischen Alpen ist die ausschließliche Domäne der bigottesten Klerokratie. Nur eine winzige Anzahl Israeliten haben sich in seinen Thälern ausicdeln können. Die Tonristenzeit führt aber auch Bekenner des Jndenthums hierher. Der Schreiber dieser Zeilen hat sich Heuer der Touristcnschaar angeschlossen, welche Sndtirv! durchstreift. ES kann jedoch nicht in meiner Absicht liegen, Ihre Leser von der landschaftlichen Schönheit Tirols zu unterhalten. Ich will ihnen vielmehr von dem Antisemitismus berichten, der sich auch hier au die Ocssentlichkeit drängt. Da ist unter dem Namen ״Tiroler Bauernverein" eine Gesellschaft zusammengetrcteu, welche das Geschäft der Herren Stöcker in Berlin und Schönerer in Wien in Tirol betreiben will. Das ״deutsche Stammesbewnßtsein" zu pflegen und rein zu halten, ist der ostensible Zweck dieses Vereins. Den! biedern Tiroler soll der Jude als der Eindringling und Störer des Dcutschthnms geschildert werden. Es soll der ohnehin etwas beschränkte Sinn der Tiroler mit der Furcht vor den Juden erfüllt werden, jo daß er in jedem Inden einen Höllcnsohn zu erkennen glaubt und sich hütet, mit ihm in Verkehr zu treten. So treibt der nnheimliche Spuk überall sein Spiel, in der märkischeil Sandebene sowohl, wie an der blauen Donau und in den Thälern der Etsch und des Inn. Frankreich. Paris, 5. August. Der durch sein bernchtigtcS Buch ,.La France juive" zu einem traurigen Ruhm gelangte Eduard Drum out, hat ein Kommitcc znsammengebracht, welches das edle Ziel verfolgt, den Judenhaß über das ganze Land zu verbreiten. Zu diesen! Bchufe wird zunächst eine Zeitung unter dem schönen Titel ״l'Expnlsion des Iniss" heransgegeben. Wie deren Name deutlich ansspricht, will dieselbe nnanSgesctzt für die Austreibung der Juden aus ganz Frankreich vlädiren. Die ersten Nummern sind bereits erschienen.' Ich glaube jedoch nicht, daß dieses Organ vielen Anklang finden wird. Herr Drumont ist um anderthalb Jahrhundert zu spät geboren worden. England. L. Lvttdon, 7. August. Nicht gewohnt, die Feder zu führen, möchte ich doch für die folgenden Zeilen eine Stelle in Ihrer Wochenschrift erbitten. Mitten? in dem geschäftigen Treiben der nach Mittioncn ihrer! Bevölkerung zählenden Hauptstadt der Well ist noch für einen kleinen Kreis Muße geblieben, dem Studium des Talmud, dieses einzigen jüdischen Nanonalschatzcs, dem keine Nation ein ähnliches Kleinod zur Seite zu setzen vermag, sich in begeisterter Hingebung zu widmen. Nach der Weise unserer Ahnen, die in der Beschaftignng mit dem Talmud, dem ״Lernen", wie es so bezeichnend von dem tief cmpsindendcn Volksgeiste genannt wurde, den höchsten seelischen Genuß empfanden, wird hier in der ״ הברה שי'סgelernt" jahraus jahrein, Lag für Tag. Am 2. Ellnl begeht nun dieser Verein ein hohes Fest. Er ״macht ein ב״,״ב auf ganz ־ש״ס." Ich glaube, daß diese Thatsache wohl als ein Ereigniß insofern betrachtet werden kann, als cs erfreuliche Kunde davon ablegt, daß die von Osten in das freie gluckliche England kommenden Einwanderer die Thora nicht daheim gelassen, daß sie auch hier ihnen gilt als die! köstliche Krone, auch hier ihnen als die thcnre Genossin,! der sie die Treue ewiglich bewahren, in deren Nähe! sic die Sorgen des Lebens vergessen und sich beglückt > fühlen.-Noch eine kurze Bemerkung über die! Lage der jüdischen Armen Londons. Durch die starke! Einwanderung ist selbstverständlich die Last deren Ver-; sorgnng für die wohlhabenden Glaubensgenossen eine j sehr schwere geworden. Zum Nnhine der Londoner! Indenschast aber muß dankbar anerkannt werden, daß I sie in dem armen fremden Juden, der sich hier niedergelassen hat, gern den Bruder erblicken und sich dieser Verwandtschaft nicht schämen. Es geschieht viel, sehr viel zur Hebung des Nothstandcs, zur Befriedigung des augenblicklichen Bedürfnisses, so daß die armen Inden im Vergleiche zu ihren nichtjndische׳.׳. Leidensgenossen sich einer besseren Existenz zu erfreuen haben. Die wirksamste Hülfe könnte man ihnen aber angcdeihen lassen, wenn man für verhältnißmüßig billige Wohnungcn sorgen möchte. Es ist wahrhaft schrecklich, wenn man diese Armen in ihren Quartieren anssucht 1111b gewahrt, unter welchen Bedingungen sie wohnen. Man gehe nur einmal nach Fieldgatestrect, Plnmber's Now und anderen ähnlichen Gassen und schaue das Elend. Wer hierin Hülfe schasst, die sehr schwer zu sindcn ist—das muß zugegeben werden— der stiftet ein wahrhaft großes Werk. *||* Hnll, Augnn. Durch den starken Zuzug, welchen die jüdische Bevölkerung hicrselbft, insbesondere durch die russische Immigration erfahren hat, stellt sich das dringende Bedürfnis; heraus, eine neue Synagoge