Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Article
- Aufruf
- Date
- 1887-08-04
- Page
- 495 (sequence 1)
- Language
- German
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495 Aufruf. ב״ה בין המצרים ישיגנו פדות ורוחה! Kowno, 4. Mcnachem Aw 5647. Entsetzliche Unglücksfälle haben im Laufe dieses Sommers Rußland hcimgesucht. Ungeheure Feuersbrünste, welche in solchem Umfange und in solcher Häufigkeit unerhört sind, reihen sich an einander. Die Hand Gottes hat uns schwer getroffen; das Unglück nimmt zu; Gott erbarme sich unser! Kaum ist die schreckliche FenersbrunsL in der. alten Stadt Mari, die zum größten The.il mit aller Habe ein Raub der Flammen geworden, zu unserer Kunde gelangt, noch ist man mit der Sammlung von Spenden zur Linderung des Elends der von diesem Unglück schwer Getroffenen beschäftigt, so ereilt uns die Nachricht, daß auch ein großer Thcil der Stadt Scharednik mit ihren Gotteshäusern nieder-gebrannt ist. Wir haben unö noch nicht zu fassen vermocht ob des Entsetzens, so trifft eine neue Schreckensbotschaft ein. Die Stadt Zcikischak ist gänzlich durch Feuer zerstört. Alle Habe, alles Gut, Synagoge und Lehr- Häuser sind hier vernichtet, — nichts ist übrig geblieben. Nur zwei Häuser stehen noch. Die gcsammte Stadtbevölkcrnng lagert aus dem freien Felde und ermangelt jeglichen Schirms und Schutzes gegen Regen und Sturm. Und während das Mitleid geschäftig ist, diesen Unglücklichen die nothwendigsten Mittel zur Fristuug des Lebens zuzusühreu, so dringt der Nothschrci aus der großen Stadt Sch wen zia n zu uns. Diese Stadt ist ebenfalls total den Flammen zum Opfer gefallen mit jeglichem Gute, mit Synagogen und Schulen! Aber auch hiermit ist das Furchtbare nicht erschöpft. — Eine Menge anderer Feucrsbrünste und entsetzlicher Unglücksjälle suchen uns heim. -- das Herz des Menschen ist zu schwach, um die Größe des Eleudes und der Noth zu erfassen. Das köstliche Erbe, mit welchem Gott unser» Stamm begnadigt hat, ist das warme Mitgefühl und die L h 2 t! g e Menschenliebe, הרחמים והצדקה. Sie sind der wunderbare Talisman, welcher ihm Kraft und Stärke verlieh überall, wohin Gott sein Volk zerstreute. Wie Brüder standen die Glieder dieses Volks einander treu zur Seite, ob nah, ob fern, wo immer die Noth hereinbrach über das IakobshauS, die Bruder- Hand bietend zur Hülfe und zum Beistand. Das hat uns erhalten, das verbürgt unser unvcrwüstlicheS Dasein, darin winkt uns die endliche Erlösung, die herrliche Zukunft! Geliebte thcnre Brüder! Erbarmt Euch über mehr als zehntausend unglückliche Brüder, die sich in dem unsagbarste Elende, in der bittersten Noth befinden! Bewähret auch hier Eure Barmherzigkcit, Eure opferbereite Liebe. Sendet Eure Licbesspenden an die Redaktionen der jüdischen Zeitungen, welche gewiß gern bereit sein werden, solche den armen, schwergeprüften, unglücklichen Brüdern zu übermitteln. Ihr dürft der festen Zuversicht sein, daß dieses Opfer Eurer Bruderliebe und Menschenfreundlichkeit in gewissenhafter und zweckmäßigster Weise zur Berthrilung gelangen wird. DaS Verdienst der Hochherzigkeit und Liebe kommt noch den spätesten Geschlechtern zu Gute, und die dankbaren Herzen entstammenden Segenswünsche der von Euch unterstützten tief gebeugten Brüder werden gewiß Erhörung finden vor Gottes Thron. JLzchak Elchcnrair Spcktvr, Oberrabbincr in Kowno. Wir wiederholen unsere bereits früher ausgesprochene Bitte um kräftige und reichliche Hülfe für unsere unglücklichen Brüder in Rußland. Der Name des hochwürdigen Oberrabbiners von Kowno verbürgt die Größe des NothstandcS, für welchen Abhülfe von allen Seiten geschafft werden muß. Wir cmpjingen für diesen Zweck: von Herrn Rechtsanwalt Dr. Friedbcrg in Karlsruhe 10 0&, von Herrn Adolf Ncichcnbach in Ballenstedt 10 J(, und nehmen fernere Spenden gern entgegen. Die Redaktion des ״Fcschnrun".