Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1887)
- Article
- Rußland : Petersburg, Juli [Nachricht]
- Date
- 1887-07-28
- Page
- 477 (sequence 2)
- Language
- German
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477 Arbeitgeber imb Dienstherren ihren christlichen Arbeitern und Dienstboten am Sonntag und an christlichen Feiertage freigeben sollen und ihnen überhaupt in keiner Weise zu wehren, den Satzungen ihrer Religion Punkt« lich nachzuleben. Hl Petersburg, 19. Juli. Der Natschelnik der Stadt hat neuerdings eine Verordnung erlassen, wonach den jüdischen Handwerkern nur so lange in Petersburg der Aufenthalt gestattet ist, als da- Zeugniß des Handwerksamt besagt, d. h. höchstens ein Jahr. Nach Ablauf dieses Termins müssen die Juden, welche kein Zeugniß erhalten, die Hauptstadt verlassen. Motiv dieser Verschärfung ist die Thatsache, daß viele jüdische Handwerker nach Erlangung des Zeugnisses das Handwerk fahren lassen und sich mit Geschäften abgcben sollen. Petersburg, 25. Juli. Nach einer allerneuesten Verfügung soll die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte im ganzen russischen Reiche auf fünf Prozent der gesammten Anzahl von Rechtsanwälten fernerhin beschrankt werden. * Warschau, 21. Juli. Die ״Hazesirah" schreibt, daß durch die neueste Verfügung, nach welcher nur Kauflente erster Gilde Diskont- und Wcchsclgescbäfte machen dürfen, viele kleinere jüdische Geschäftsleute hart betroffen worden. In Warschau und andern Städten ernähren sich viele Inden von den! kleinen Geldwechsel. Die hohe Steuer der ersten Gilde ist für sic nnerschwinglich. Es ist ihnen demgemäß durch diese neue Verordnung ihre Nahrungsguelle buchstäblich verstopft worden. — Der ״Kur. Warzaw" berichtet, daß etwa dreißig jüdische Handwerkersamilien von Petersburg und den umliegenden Ortschaften dieser Tage nach England ansgewandert sind. XX Wilna, 21. Juli. Die im hiesigen Gouvcrnemcnt belcgcne Stadt Hodaciszki ist durch eine Fcnersbrnnst fast ganz cmgcäschcrt worden. Es sind namentlich jüdische Glaubensgenossen dadurch in das schrecklichste Elend versetzt. Hl 5ircw. Nach den ncueften statistischen Er- Mittelungen bcsiudcn sich im hiesigen Gouvernement 23 jüdische Vaucrugcmeiudeu mit 3050 männlichen Seelen und 2719 Deßjätinen 3970,5 :• ־ Hektaren Grundbesitz. u Botttschan, 20. Juli. Bis jetzt ist in runder Summe für die hiesigen Abgebrannten der ansehnliche Betrag von einer halben Million Frank eingcgangen. beider ist wiederum ein Feuer anSgcbrochcn, welches zehn Häuser in Asche legte. Dieselben waren anSschließlich von Inden bewohnt. Afrika. * JnBa rberton, Kapland, hat sich eine jüdische Gemeinde gebildet. Dieselbe ist ans dem Bedurfniß hervorgcgangcn, für die religiösen Anforderungen Fürsorge zu treffen, sowie den ärmern Glaubensgenossen Bei hülfe zu gewähren.. Mchkrschau. Wilhelm Presse!, Die Zerstreuung des Volkes Israel. Erstes Heft: Der Charakter dieser Zerstreuung. Heilbronn. Verlag von Gebr. Henninger. 1887. Diese kleine Schrift, ״das Resultat eines halben Lebens im Umgänge mit Israeliten und im Erforschen ihrer Geschichte und Literatur" ist vom streng christlichen Standpunkte anS abgcfaßt. Es kann daher nicht die Ausgabe eines Andersgläubigen sein, dieses Werk einer eingehenden Kritik zu unterziehen, irrige Auffassungcn zu berichtigen und Mißverständnisse aufzuklärcn. Nur im Allgemeinen dürfen wir sagen, daß dasselbe sich vortheilhaft vor so vielem anderen, angeblich vom christlichen Standpunkte über Judcnthnm Geschriedenen und Geredeten durch den Geist der Duldung und Menschenliebe dem so viel geschmähten und vcrachteten jüdischen Volke gegenüber auszcichnet. Der Verfasser ist nichts weniger als ״Indenfrennd und Judcnknecht" — wie von antisemitischer Seite mit vielem Behagen jeder Nicht-Antisemit genannt wird — und eben darum erscheint mancher über Inden und Judcnthnm geschriebene Passus recht beachten?- wcrth. Wir gestatten uns darum, im Folgenden einige prägnante Stellen anznführen: ״Also zerrissen und zerstreut über die ganze Erde liegt Israel selbst vor unfern Angen, — zerrissen und zerstreut nicht von der Hand eines Fieberkranken, sondern von der Hand des Heiligen und Allmächtigen, zerrissen und zerstreut, nicht, um wie die Fetzen eines Kleides hinweggcworfcn zu werden in den Kehricht dcS Hauses, sondern wieder gesammelt und mit einander verwoben zu werden und in neuer Herrlichkeit zu erscheinen vor den Augen der andern Völker." ״Das zerstreute Volk anerkennt cs auch in der mannigfaltigsten Weise: — cs nennt sich darum nicht nur, wie wir oben erwähnt haben, das Am niddaeh, sondern es begeht zum Andenken an das schreckliche Ere.igniß, durch welches seine Zerstörung für alle Zeit besiegelt wurde, zum Andenken an die Tempclvcrbrennuna unter Titus, den 9. Ab des Jahres 70 nach Ehristo jedes Jahr am 10.August(?) als einen großen Fasttag, als einen Tag nicht nur des Wehklagens um das Verlorene, sondern der Buße über sein: Schuld; der Tag ist so scharf cingegraben in das Herz und