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Jeschurun · 1887-07-21 · Heft 29 (21.7.1887) · p. 454

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 29 (21.7.1887)
Article
Ein Urtheil über den Antisemitismus
Date
1887-07-21
Page
454 (sequence 2)
Language
German
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454 semiten mit ihrer literarischen Bekämpfung jüdischer Religionsvorschriften entschiedene-S Unglück. Aber auch mit den Beweisen deö Judenhasses aus vorgckonlmencn Christen opfern sieht eS windig aus. Der jüdische Klub verabscheut jede Verunreinigung, zumeist diejenige mit Btut und macht zu Gunsten der Christenkinder-und des Pcßachfestes davon keine Ausnähme. ES kann gar keine Rede davon sein, daß rituelle Handlungen der Juden mit Blntopftr verbundcn seien. Mit dem Rassenhaß aber hat cs ein besonderes Bewandtuiß und wer mit der historischen Untersuchung in dieser Richtung vertraut ist, kann Wunderdinge darüber berichten. Der Rassenhaß scheint in beständigem Flusse begriffen. Heute entsteht er, um morgen, wie ein an den Bergen hinkriechender Nebel, zu verflattern. So herabgckommen die lateinische Nasse auch zur Zeit der Völkerwanderung war, ihre Mißachtung der germanischen Stammesart blieb doch grenzenlos und spricht sich in den Kundgebungen ihrer vortrefflichsten Männer unverhohlen anS. So schreibt Sidonius Apollinaris an Catuttin: ״Was für ein glücklicher Mann Du bist! Deine Augen, Deine Ohren, selbst Deine Geruchsorgane sind von diesem Glücke nicht ausgeschlossen; trägt Dir doch kein kn obtauchduftender Burgunder schon zu früher Morgenstunde zehn Schusseln ungenießbarer Gerichte auf einmal auf." Der Verfasser sagt Weiteres: ״Der Neugriechc zählt unseres Wissens doch zu den Ariern, überragt aber an Geriebenheit seinen jüdischen Konkurrenten um ein Bedeutendes. Der Armenier spottet der Harmlosigkeit beider. Und was soll man von der ״Smartneß" des ächten Amerikaners englischer Abkunft sagen! Wo bleibt nun da der Rassenhaß! Darf man behaupten, daß eS den Juden an ebenbürtigen Konkurrenten christlicher Abstammung fehlt? Sollen wir auch den gericbenen christlichen GeschäfLSmännern den Nasscnkrieg erklären? Ach! sie sind Fleisch von unseren! Fleische und Bein von unserem Beine und wir können den KriegSpfad nicht antreten, weil wir der nämlichen Nasse angehörcn. — Nein, der Rassenhaß ist nicht der ideale Stoff, ar!S dem sich antijüdische Gesetze zuschneidcn lassen, und Georg Ritter von Schönerer hat keinen .glücklichen Schritt gethan, als er die Nasse für Trumpf erklärte. Der Jude, sagt man, widme sich mit Vorliebe dem Handel statt dem Handwerksbetrieb und dem Ackerbau. Was folgt daraus? Doch nicht, daß man den Juden gewaltsam zum Betriebe eines Handwerks oder der Bestellung dcS Ackers verhallen müsse? Wenn wir einmal so weit sind, daS Volk in Kasten einzuthcilen und mit souveränem Selbstgcnügen diejenigen, welche uns ihrer kruinmen Nase, ihres jüdischen Jargons willen'mißfallen, unter die PariaS cinzurcihcn, dann gute Nacht abendländische Bildung! Wollten wir die Jndensöhne an dem Besuche der höheren Schulen hindern, wir würden den gleichen Tadel mit dem abtrünnigcn Julian verdienen, der die Christen vom höheren Unterrichte ausschloß. Erstreckt sich der Horror der Antisemiten auch auf Araber und Türken? Auch auf Alles und Alle, die nicht zur arischen Nasse zählen? — Wir müßten uns sehr irren, wenn das der Fall wäre, und besorgen, daß die Mehrzahl der Antisemiten nicht einmal die nöthigen anthropologischen Studien gemacht habe, um unsere Frage gewissenhaft und bündig zu beantworten." ״Wir wissen, daß die Antisemiten sich sehr zarter Geruchsorgane zu erfreuen haben, und die Reizbarkeit ihrer GeruchSncrven stark in den Rassenhaß hineinspielt. Wir haben aber nie gehört, daß sie darum wider die Neger-Emanzipation Front gemacht oder von der österreichischen Gesetzgebung die Jntcruirung jener wandernden Leinwandverkäufcr, Drahlbinder, Fallen- Händler nordungarischer Herkunft gefordert hätten, die bekanntlich zur Verbesserung der nnS umgebenden Atmosphäre in keiner Weise beitragen, ja wir wagen sogar unserem Verdachte Ausdruck zu verleihen, daß — wir wollen uns euphemistischer Bezeichnung dedienen — nicht jeder Antiscmite frei sei, der seiner Ketten spottet. Gott sei cs geklagt, aber wir haben in Handwcrksstätten auch nicht immer Moschus und Amber angetrosfen." ״Wir können" — so schließt der Artikel — ״der antisemitischen Argumentation keinen Geschmack abgewinnen, aber nicht nur darum, weil wir sie für falsch und inkonsequent, sondern noch viel mehr, weil wir sie für unchristlich und unsittlich halten, weil sie aus das Gegcntheil der christlichen Lehre, auf Unbarmherzigkeit und Lieblosigkeit hinausläuft . . . ״ So urtheilt über den Antisemitismus ein ehrlicher Christ, allerdings ein Mann von unbefangenem Geiste und edler Bildung. Diese eine, wahrhaft christliche Stimme wiegt, wenigstens an geistigen! nnd moralischen! Werth, den ganzen rüden Antisemitismus auf. (W. S. u. M. Z.) Mer am* der Gcgrllmrt. Von Friedrich Nott. ־ ' (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Seine Kaineradcn zogen ihn vollends i!!s Freie, er aber, obgleich seine Hände instinktiv noch den Strick umklammert hielten, er wußte nicht, wo er sich befand, er sah mchi die Menschcnmasse, die seine Rettung jubelnd begrüßte, und als man ihn auf die Erde stellte, brach er ohnmächtig zusammen.

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