Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Article
- Historische Notizen zur Geschichte der Juden in München (gelegentlich der Fertigstellung der neuen Synagoge)
- Date
- 1887-07-21
- Page
- 453 (sequence 2)
- Language
- German
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ungnädigst geandct werde wurde. Wir versehen Uns! aber ein förderliches Exccution, und scynd euch anbei) I mit Gnaden. Ex Comissione Sermi, Dm. | Ducis Electoris Speciali. München, den 22. März 1715. Tos. AttmanSfeld." Je weiter man aus dem Schlamm des Mittelalters watet, desto freundlicher und lichter gestaltet sich der Horizont der Geschichte der Juden in München. Unter dem Kurfürsten Karl Theodor 1761 erhielten die jüdischen Frauen die ihnen bis dahin aus grausame Art versagte Erlaubuiß, ihre Niederkunft hier erwarten zn dürfen. Ferner wurde von der Landeöregicrung beantragt, daß cö den Juden gestattet sein möge, das Laubhüttenfest gegen eine jährliche Entrichtung von 500 Gulden zur Armenkasse wieder zu feiern. Ein anderes Beispiel ihrer freundlichen Gesinnung gab die Obcr-LandcSregierung dadurch, daß sie den Juden Simon Höchheimer, der als Gelehrter reiste, vorn Lcibzoll gänzlich befreite. Am 17. August 1781 und 20. Oktober 1792 erschienen zwei Mandate, welche die Iusultirung der Juden bei schwerer Strafe verbieten und gestatten, daß die Inden ihre Begrübuißgcvräuche auSübcu dürfen. Im Jahre 1799 befanden sich in München 31 Familien. Ihre VernrögenSschätznng wurde ihnen abweichend von den in Sulzbach, Snlzburg, Floß, Schnaittach, Hüttenbach und OiLensaß wohnenden Juden niernalS abgefordert, auch bezahlten sie außer den Taxen für ihre Patente kein besonderes Schutzgcld. Sie halten reine Synagoge, keine Rabbinerwohurmg und keinen Vegräbnißort, sondern führten ihre Todtcn nach Kriegs- Haber bei Augsburg. Die Gesammtzahl der am Ende des 18. Jahrhunderts in Oberbayern wohnenden Juden beträgt 360 Familien oder beinahe 2000 Seelen. Ihr Vermögen belauft sich — die Münchener Judenschast nicht mit eingerechnet — auf ungefähr 230 000 Gulden. Nach der Statistik vom Jahre 1885 dürsten im' Königreiche Bayern 50000 jüdische Seelen, wovon 4000 in München wohnen. Schon unter der Negierung dcö Königs Max Joses mußte die jüdische Einwohnerzahl Münchens eine beträchtliche sein, denn im Jahre 1626 wurde die jetzige alte Synagoge, deren Räume beinahe 1000 Seelen faßt, in Anwesenheit König Ludwigs I. und sämmtlicher Hofräthe und Chargen feierlichst eingewciht. Fünfzig Jahre lang wurde in diesem Gotteshausc nach althergebrachter jüdischer Sitte zu Gott gebetet. Erst im Jahre 1876 fühlte man in München das lebhafte Bedürfnis;, zwischen Gemüth und Gott, zrvischen Herz und dessen Schöpfer einen Vermittler hcrzuftcllcn, und wer könnte diesen ehrbaren Posten besser auSMcu als die Orgel? Mittelalterlicher Druck, tyrannische Verfolgung ver- : mochten nicht die von den Vätern ererbten Gebräuche - der Gemeinde zu entreißen, sobald aber ein Strahl; des humanen Zeitalters sie bescheint, will sie alle-! bisher sorgsam Bewahrte über Bord werfen!! CS .erinnert unwillkürlich an dm Wanderer, den zur AuStragung ihres Wettstreiteder Sturm und die Sonne sich erwählten. ' Ci» llitfjril iifier treu Auliskiilitisms. Bon streng katholischer Seite. Je kühner und dreister der vulgäre AntisemitiSmus sein Handwerk treibt, desto dringender und heilsamer erscheint cS, wenn eine berufene Stimme sich gegen das wüste Treiben des blinden Rassenhasses erhebt. Eine solche mannhafte und achtungSwcrlhe Ennnziation findet sich in dem ״Korrespondcnzblatt für den katholischen KlcruS Oesterreichs״, redigirt von Berthold Anton Egger, Chorherr von Klosterneuburg. Diese den Jutcrcsscu der katholischen Kirche gewidntete Zeitschrift enthält in ihren zwei jüngst erschienenen Nummern einen Aufsatz, welcher den Antisemitismus vom historischen, ethischen und jüdischen Standpunkte ans beleuchtet; eine gediegene Arbeit, die ebenso tiefe Gelehrsamkeit als ehrliche Uebcrzeugnng bekundet. Zwar ist der Verfasser der Studie nichts weniger als ein Judcnfrcnnd, und er bekennt dies auch ganz offen und unumwunden. Nichtsdestoweniger hat sich dieser vermuthliche, gewiß geistig bebcntcnbc Alltor, trotz seiner unleugbaren Gegnerschaft zum Judenthumc, Objeklivität und Wahrheitsliebe genug bewahrt, um ein unparteiisches Urlheil über den Antisemitismus fällen zu können. In welcher Weise dies geschieht, mögen einige Stellen darthuu. die wir dem hochinteressanten Aufsatze entnehmen. Indem der Verfasser den Antisemitismus klirzweg als eine ״nicht gerechtfertigte, nebelhafte, ziel- und zwecklose Agitation" bezeichnet, sagt er unter Aderem: .״Die Antisemiten verwahren sich wider die Zilmuthuilg, das religiöse Bekernttniß einer Kritik zu unterziehen, und erktärcn, daß sie nicht mit dem Glaubensiuhalt, sondern lediglich mit der Rasse zu thun hätten. Diese Erklärung hindert sie aber nicht, über den Talmud herzufallen. Man sucht eben nach Allem, was als Waffe benutzt werden kann. Die Abwehr fällt aber den Angegrisscncn ziemlich leicht. Sie berufen sich auf den einzig wichtigen Thcil ihrer NcligionSbüchcr, auf denjenigen, den sie mit den Christen gemein haben — auf die Gutheißung ihres vorchristlichen Gesetzes durch den Messias selbst. In der Thal halten die Anti-