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Jeschurun · 1887-07-07 · Heft 27 (7.7.1887) · p. 429

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 27 (7.7.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Krakau, 20. Juni [Nachricht]
Date
1887-07-07
Page
429 (sequence 2)
Language
German
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429 Synagoge, sowie die israelitische Schule. Vor der Synagoge, die zu den ältesten Bauwerken KrakauS gehört, wurde das Kronprinzenpaar vom Kultusvorstande MendclSburg und einer groben Anzahl von israelitischen Gemeinderaihen, sowie etwa 30 Nabbincn empfangen. DaS Kronprinzcnpaar wurde zur Estrade geleitet, wo Kantor Fischer den Fcstgesang anstimmte und Kinder, die Volkshymne und das Lied ״Gesegnet sei der Kommende" sangen. Während dieser Vorträge saß das Kronprinzcnpaar auf der Estrade, welche mit schöngeschmückten Zelten überdacht war. Der Kronprinz hatte das Haupt bedeckt. Nach den erwähnten Vorträgen machte das Kronprinzcnpaar einen Rundgang durch das altcrthümliche Gotteshaus, welches mit Teppichen und Vorhängen mit Stickereien in hebräischen Eharatteren reich geschmückt war. In Anwesenheit deS Kronprinzcnpaareö wurde auch der Schrein mit den GcsetzcSrollen geöffnet, der noch aus dem Mittelalter stammen soll. Lebhaftes Interesse der hohen Gäste erregte auch ein rother Maruiorstcin, welcher daö Datum 1307 trägt und an die blutigen Judenversolgnugen erinnert, welche im Krakauer Ghetto zu jener Zeit vorsielen, und vor welchen sich das jüdische Volk in die alte Synagoge flüchtete. Nach einem Aufenthalte von zehn Minuten begab sich das Kronprinzcnpaar unter lauten Hochrufen der Menschenmenge in die israelitische Schule. So berichtet die ״N. fr. Pr." Kronprinz Rudolf wird nach dem Rciseprogramm auch in Lemberg, Przemysl und Tarnopol die jüdischen Gcmeindevorstcinde und Rabbiner empfangen und in Lemberg die Hauptsynagoge besuchen. Der Besuch deS erlauchten Thronerben wandelt auch in jüdischen Kreisen ebenso wie von der Gesammtbcvölkerung die Zeit zu einem Feste. * Krakau, 1. Juli. Dem ״Berliner Tageblatt" wird von hier gemeldet: Gewisse Kreise in Krakau feierten aus ihre Art gestern die Anwesenheit des Kronprinzenpaares; wenige Stunden, nachdem Krön- Prinz Rudolf in warmen schwungvollen Worten dem Wunsche Ausdruck gegeben, die Polen möchten die Wissenschaft, die Bildung und Zivilisation fördern, wurde unmittelbar vor der Wohnung des Krorprinzcn- Paares eine Judenhctze veranstaltet. Militär mußte ciuschreiten, Patrouillen durchzogen die Straßen, mehrere Verhaftungen erfolgten, nähere Details fehlen noch. 2n einen: späteren Telegramm meldet dieselbe Zeitung, daß die Ausschreitungen gegen Inden durch rasches und energisches Eingreifen der Behörden bald unterdrückt worden sind. * Lemberg, 4. Juli. Der ״N. Fr. Pr." wird heute telegraphisch gemeldet: Der Kronprinz erschien Mittags in der Synagoge der orthodoxen Inden und erkundigte sich beim Vizepräsidenten der KultuSgemcinde, Horowitz, nach den Verhältnissen der Jndcngemcinde. M. R. Ans Galizien. Seine Kaiserliche Hoheit Kronprinz Rudolf in Begleitung seiner erhabenen Gemahl in Kronprinzessin Stefanie ist im Begriffe, eine Rundreise durch Galizien und Bukowina zu unternehmen. ES wäre überflüssig, die freudigen Gefühle der gcsammten jüdischen Bevölkerung bei der Ankunft ״der geliebten Kinder des allgcliebten Kaisers" zu schildern. Ucberal! - beeilen sich die KultnSvorstände im Namen drr Gemcindcn, ihren loyalen Gefühlen freudigen Ausdruck zu verleihen. — Am 30. v. M. beehrte das in Krakau weilende erlauchte Paar die dortige acht Jahrhunderte alte und als ältestes Gebäude der Stadt geltende Synagoge nüt einem hohen Besuche. Die Synagoge wurde vorher entsprechend anSgeschmückt, zu welchem Zwecke der Magistrat 1000 fl. bewilligte. Die Ausmcrksamkeit des hohen Paareerregte dortjclbst in-׳ besondere ein blutrothcr Marmo-rstein der in hebräischen Lettern das Monogramm 1307 trägt und der über das im obengenannten Jahre stattgesundcne Blutbad der Krakauer Juden berichtet. — Der Jubel in der KultuSgemcinde über die hohe Ehre deS Besuches ist unbeschreiblich. Doch diese reine Freude sollte nicht ungetrübt bleiben. Die Antisemiten ließen sich nicht durch die Anwesenheit dcö Kronprinzen abhaltcn, ihr Müthchen an den Juden zu kühlen. Am folgenden Tage nämlich fanden Ausschreitungen seitende- Krakauer Mob gegen die dortigen Juden statt. Die Polizei mußte ciuschreiten und nahm drei Verhaftungen vor. Bis jetzt hatte dies mittelalterliche Gespenst deS Juden- Hasses in Galizien nicht gewagt zu spuken. Sollte ein besonderer Plan darin liegen, daß cs unter dm Augen deö kaiserlichen Thronerben umgeht? England. §§§ London, 1. Juli. Das Hinschciden deS in allen Kreisen hochangcschcnen Herrn Lionel Louis Cohen wird insbesondere von der jüdischen Gemeinde aufs Schmerzlichste empfunden. Der Verstorbene zeichnete sich durch große Wohlthätigkeil, Biedersinn und aufrichtige Frömmigkeit aus. Er stand an der Spitze aller wohlthätigcn Bestrebungen. Die großartige Hülfe, welche im Jahre 1882 den flüchtigen russischen Glaubensbrüdcrn gereicht wurde, ist seiner Initiative zn verdanken. Er war Mitglied dcö Parlaments. Im Alter von 55 Jahren schloß er sein thatcnrcicheS Leben ab. — In allen Synagogen der Hauptstadt und de- Landes wurden an dem Jubitäumötagc der Königin feierlicher Gottesdienst veranstaltet. Unser greiser Oberrabbincr Dr. Nathan Adler hatte dafür ein sehr erhebendes Gebet in hebräischer Sprache verfaßt. Dasselbe ist der Königin überreicht worden, welche Herrn Dr. Adler ihren huldvollsten Dank dafür abstattete.

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