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Jeschurun · 1887-07-07 · Heft 27 (7.7.1887) · p. 424

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 27 (7.7.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-07-07
Page
424 (sequence 2)
Language
German
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424 Du siehst cs ein, daß es sich nicht ändern läßt, und waS sich nicht ändern läßt —" Er zuckte die Achseln. ״Wurde ich doch geradezu glauben, mich gegen unsere Kinder zu versündigen, wenn ich diese prächtige Gelcgeuhcit, mein Geschäft zu eewcitcnr, ungenützt lassen würde." Sie schüttelte schmerzlich seufzend das Haupt. ״Ich bin überzeugt. Du versündigst Dich nicht nur gegen Gott, sondern ebenso sehr gegen unsere Kinder, wenn Du ihnen durch Dein Beispiel zeigst, daß man, wenn man viel Geld verdienen kann, Gottes Gebote nicht zn beachten braucht." ״Lcni, Lern!" rief er lachend, ..Du hättest Raw werden sollen oder zum Mindesten Ncbbezen, aber zur Geschäftsfrau taugst Du nicht. Darum mußt Du mir auch da drin nichts dreinreden." Cr zog sie an sich und küßte ihre thräuenübcrfluthete Wange. ״Du bist ein unvernünftiges Kind, aber doch mein liebes, braves Weib. Und darum kümmere Dich nur um gar nichts, id) nehme Alles auf mich. Und am Sabbath, da bleib Du nur den ganzen Tag oben im Zimmer, lege ein weißes Tischtuch über den Tisch und stelle einen Blumenstrauß in die Mitte, und dann nimm Dir Dein Thillim her und unterhalte Dich mit dem König David, und achte auf die Kinder, daß sic brav sind und daß sic ordentlich beten, und Ihne im Uebrigen ganz, was Dir beliebt, ich werde Dir in gar nichts hinderlich sein. Nur Eines darfst Du nicht thun, Du darfst nicht so'n betrübtes Gesicht machen und mir den Kopf nicht warm und das Herz nicht schwer machen." Sie erwiderte nichts, sie sah ein. cS war Altes vergebens. Aber seitdem zum ersten Mal am Sabbath das Geschäft offen war, ward ihr Antlitz immer bleicher und schmaler, sichtlich schwand sie dahin. Aber.das Geschäft hob sich in nie geahnten! Maße, und so schmerzlich Herzfcld das sichtliche Leiden seiner Frau empfand und so wenig er sich über die Ursache dieses Leidens täuschen konnte, so gewährte eS ihn! dennoch innige Gcuugthuung, sie durch seinen mehr als verzehnfachten Verdienst mit allem möglichen Komfort umgeben zu können. Auch das GcschäftSlokal hatte erweitert ׳ werden müssen; cs war jetzt mehr als doppelt so groß als ehedem und trotzdem standen die Käufer Kopf au Kopf und die-Kommis und Lehrlinge hatten kaum Hände genug, Alle zu bedienen. Aber Herzfcld selbst arbeitete auch tüchtig mit, und sah mit Strenge darauf, daß Alles in größter Ordnung und mit musterhafter Neellität gehandhabtwurde. Darum warteten seine Kunden lieber Viertelstunden lang bei ihm, als daß sie ihren Bedarf von einem Andern bezogen, bei dem sie weniger lang zu warten brauchten, aber dafür auch weniger reell bedient wurden. An Wochentagen war er mehr beim Buch beschäftigt, doch am Sonnabend hatte er bisher noch nicht geschrieben, einerseits that er dieses seiner Frau zn Liebe, andererseits gab eS an diesem Tage so viel Anderes zn thun, daß seine Hülse beim Verkauf unerläßlich war. Und mit einer unglaublichen Raschheit und Gcwandheit, um die ihn seine sümmtlichcu Ladengehülfcn beneideten, wußte er die Waaren zu enballiren, Packete und Packetchen zu formen, die jungen Leute gebrauchten hierzu mindestens die doppelte Zeit. ״Wollncr," wandte er sich an einen jungen Mann, der eben die Zahlung von einigen Käufern entgegengenommen hatte, ״wenn Sie da abkommen können, gehen Sie hinunter in den Keller, Karlsbader Mühlbrnnncn herauf zu holen." Der junge Mann nahm den Kellerschlüssel von der Wand und schickte sich an, den Laden zu verlassen. ״Sic müssen eine Laterne nehmen," rief Herzfeld ihm zu, ״mir freiem Licht leide ich nicht hinunter zu gehen." ״Ich glaube, ich könnte auch ohne Licht —" ,.Sind Sie bei Sinnen?" schalt der Chef," ׳kaum drei Mal werden Sie unten gewesen sein und wollen nun im Finstern da herum stolpern? mir, Gott, weiß was Alles verderben? Nehmen Sie eine Laterne, sage ich, ich bin gewohnt, daß meine Leute buchstäblich thun, wasich anordne." Wotlner hatte die Farbe gewechselt, die schroffen Worte des Geschäftsinhabers hatten den stolzen Jüngling verletzt, trotzdem zögerte er noch einen Moment,׳ bevor er den! ihm gewordenen Befehle entsprach, doch׳ als Herzfcld sich abermals, nach ihm nmwandte, griff er hastig nach der im Hintergründe dcS Ladens befindlichcn Laterne und entfernte sich. ׳ .,Daß man doch auf Allesehen muß," sagte Herz seid ärgerlich, indem er einem Kunden die vcrlangte Waarc zmvog, ״kann! vier Wochen ist der Mensch hier im Geschäft, will er im Finstern in! Keller sich auskenncn. Bin überzeugt, wenn er ohne Laterne hinunter gekommen wäre, hätte er sich nuten ein Streichholz angeznndct, um sehen-zu können, und was dabei hätte anSkommcn können —״ ״Gott sei Lob und Dank, daß Sie'S dem Leichtsinnigen angemerkt haben, was er im Schilde fuhrt. Hätte eine schöne Bescheernng werden können bei den Spiritus- und Pctrolcnmsässern, die Sie im Keller haben, mit brennenden Streichhölzern 'herum leuchten. — Ja, ja, Jugend hat keine Tugend, das ist ein wahres Sprichwort.- Man mnß nach Allem selbst sehen, selbst ist der Mann." . (Fortsetzung folgt.) ׳

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