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Jeschurun · 1887-06-30 · Heft 26 (30.6.1887) · p. 410

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 26 (30.6.1887)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1887-06-30
Page
410 (sequence 2)
Language
German
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410 Wahlen, ja selbst die letzten Brände m die Schuhe geschoben werden. Sogar der Minister Trefort ließ sich zu dieser Auffassung der antisemitischen Partei bewegen. Er schilderte sic in seiner Kandidatenrede alö eine kommunistische, welche nach dem Gelde der Judenschuft lüstern sei. Bei den ungemein ״freisinnigen" Anschauungen dcS UntcrrichtSministcrö ist seine Abneigung gegen eine Partei, die auch auf die christlichcn Traditionen Ungarns zurückgreift, im LiberaliSmuS ein Unglück des Vaterlandes erblickt und den modernen Parlamentarismus eine auf Ausbeutung des Volkes abzielcnde Komödie nennt, nur zu begreiflich. Diese Abneigung aber hätte kaum hingcrcicht, um Herrn v. Trefort so durchaus irrige (!) Ansichten über eine unter den Magyaren so stark verbreitete Partei einzustößcn. Hier haben wohl unzweifelhaft Berichte aus semitischem Munde auf den vielbeschäftigten greisen Politiker gewirkt. — Ävan v. Symonyi, der Leiter des ״Westungarischen Grenzbotcn", von welchem das ethische w i r t h s ch a f t l i ch e Programm der Antisemitenpartei hauptsächlich ausgeht, hat übrigens diesmal nicht mehr kandidirt, offenbar aus Privatgründen (?), da ihm die Wahl in seinem bisherigen Wahlkreise gesichert war. Istoezy hingegen wird — wenigstens mir 9 anderen bisher Gewählten seiner Gesinnungsgenossen — in den Reichstag zurückkehren." Wie inan von einer Ethik des Antisemitismus reden mag, ist kaum begreif!ich. Freilich, die Ethik des ״Wcstuugar. Grenzboten", des verrufensten, verlogensten Blattes, das wäre möglich! איש יהודי Ans Schlesien, im Juni. Am 31. v. M. und 1. d. M. tagte in Breslau die General- Versammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen. Bicrunddreißig Mitglieder und nenn Gäste, darunter auch eine Dann, waren anwesend, wie aus bem zur allgemeinen Kcnntniß gebrachten Protokolle ersichtlich ist. Schreiber Dieses wohnte der Versammlung nicht an. Wenn er gleichwohl mit einigen Bemerkungen über dieselbe hervortritt, so hält er sich selbstverständlich ausschließlich an dem ihm gedruckt vorliegenden Protokolle. WaS hier geboten ist, erscheint aber sehr dürftig. Der vornchmlichc Gegenstand, welcher die versammelter! Herren Lehrer, darunter auch mehrere Rabbiner, beschäftigte, war der EutwurfcincS NorinallehrplauS für die Ncligionsschule mit zwei Lehrkräften. Ucber dieses Thema scheint sehr eifrig debattirt worden zu sein. Die von den einzelnen Rednern geltend gemachten Gesichtspunkte entziehen sich aber bei der lakonischen Kürze des ProtokollS jeglicher Beurtheiluug. Aufrichtig gestanden, vermag ich den Werth derartiger akademischer Verhandlungen nicht voll zu würdigen. Die thatsächlichen Verhältnisse werden das hier Beschlossene immer modifizircn. Ich bin überzeugt, daß sich kein Mensch nach den Thesen richtet. Weit ausführlicher ist das Protokoll über einen Vortrag, den Herrn Rabbiner vr. Joel (Breslau) gehalten. Ich bekenne, daß ich denselben gern vermißt hätte. Da er aber gehalten worden ist, so bedaure ich sehr, daß keiner, der Anwesenden gegen denselben das Wort ergriffen hat. Daß manche der Herren sich mit dem Inhalte der Joel'schcn Ausführung nicht befreunden konnten, nehme ich gern an. Herr Rabbiner vr. Jakobsohn (Schimmer) scheint deshalb auch allerdings in sehr leiser Weise (nach den! Protokoll) eine Art von Ver- Wahrung eingelegt zu haben. Er beantragte, nachdem die Versammlung sich zum Zeichen des Dankes für den Vortrag auf Ersuchen des Vorsitzenden (vr. Samuelsohn- Breslau) erhoben hatte, daß in Zukunft die Themata der Vorträge vorher bekannt gegeben werden möchten, da es dann leichter sei, den Ausführungen des Redners zu folgen und dieselben zu würdigen. Der Vortrag, welchen Herr Rabbiner vr. Joel hier in einer Versannnsung jüdischer Reiigronslchrcr gehalten, ist aber sehr eigenthümlicher Art gewesen. Es scheint nach dem Protokolle, als ob Herr Rabbiner vr. Joel die erste Grundwahrheit der jüdischen Religion, daß nämlich die schriftliche und mündliche Lehre, wie wir solche in Händen haben, von Gott gegeben sei, einfach verleugnet. Er sprach von der Bibclkritik, die die Vegeisterung für den Glauben erhöhe. Da die wissenschastlichen Forschungen die cgyplrschcn Hieroglyphen entziffert nud die Geheimnisse NiniveS und Assyriens anfgedeckt haben, so ״wissen wir nun, was an diesen alten Religionen war, in deren Mitte das Judcnthum emporwuchs, und müssen heute mehr denn je staunen über den Gesetzgeber MoscS." Wenn das Indenthum, die schriftliche und mündliche Lehre von Gott gegeben ist, wie die Grundlchre der jüdischen Religion lautet, so ist dieses Staunen nicht zu erklären. Der allwissende, cllwcisc Gesetzgeber war zu Z iten der Egypter nud Assyrcr ebenso weise wie heute. Das Staunen ist nur daun am Platze, tveun nicht Gott sondern Moses der ״Gesetzgeber" gewesen. Wer hier staunt, weil er Moses für den Gesetzgeber hält, der zählt zu den כופרים בהורה Lengucru der Thora. Das ist jüdische Lehre. Wie aber der Leugner einer Religou deren Lehrer und Prediger sein kann, ist unerfindlich, und unbegreiflich ist cs, daß eine Versammlung von jüdischen Ncligionölchrcrn eine solche Verleugnung der Grundlage der jüdischen Religion nicht nür in ihrer Mitte widerspruchslos hnmehmen, sondern ihr noch Beifall hat spenden können. Es wäre sehr angczeigt, wenn hierüber die Anwesenden sich äußern wollten. Sollte etwa das offizielle Protokoll falsch sein?? Die Sache ist sehr ernst. Dem Verein der israelitischen Lehrer itt Schlesien und Posen gehören 136 jüdische NeligionSlehrer an. Dieselben können und dürfen cs nicht dulden,

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