Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1887)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1887-06-23
- Page
- 396 (sequence 2)
- Language
- German
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396 universelle Bildung erheischen, so haben sie das von uns gelernt. Gehen wir ihnen mit gutem Beispiele voran, so werden auch sie ihre Kinder zu Handwerkern, Industriellen und Ackerbautreibenden erziehen. Für die Marmaroscr und vbcrungarischcn polnischen Juden, welche keine großen Freunde der Zivilisation sind und noch «n Wundcr-RabbiS glauben, müssen wir Schulen eröffnen. Dies ist ein besseres Mittel, sic zu ändern, als der Antisemitismus." X. Neutra, 18. Juni. Leider ist von hier zu berichten, daß die Geistlichkeit die antisemitische Wahlagitatiou offen unterstützen. Sie fanatisircn die ländliche Bevölkerung. Sic drohen mit dem Fegefeuer, dem jeder rettungslos für ewig verfallen ist, der nicht antisemitisch wählt, andererseits aber verabsäumen sic cs auch nicht, auf die Beute hiuznweiscn, welche man aus dem Besitzt hum der Juden ziehen kann. * Mvhilew (Podolicn). Der ״Hazcfirah" wird von hier geschrieben, daß am zweiten Tage des Schabuothfestes drei jüdische Individuen, ein Manu und zwei Frauen, in das hiesige Gesängniß von Czernowitz eingeliefert sind. Dieselbe stehen unter der Anklage des Mordes. Die Thatsache verhält sich folgendermaßen: In dem nahe gelegenen Czernowitz verübte am 8/20. April ein im Geiste gestörter junger Mann die gröblichsten Exzesse gegen jeden ihn! auf der Straße begegnenden Juden. Cr siel die Juden an, schlug sie, warf sie mit Steinen u. dgl. m. So tödtcte er ein jüdisches Kind mittelst eines StcinwnrfeS. Mehrere Juden wollten diesem Treiben ein Cndc machen und suchten sich dcS Wahnsinnigen zu bemächtigen. Er lief fort, siel aber in einen Mühlcngrabcn. Seine Verfolger kehrten hierauf aus Furcht vor einer falschen Beschuldigung zurück. Drei derselben blieben jedoch zurück, um ihn zu retten. Sic zogen ihn auch auS dem Wasser heraus. Cr war aber bereits eine Leiche. Der in der Nähe wohnende Müller erhob aber die Anklage, daß die Juden im Gcgentheil ihn verhindert hätten, sich zu retten. Sie wurden in Folge dessen gefänglich eingczogcu und sind jetzt an das hiesige Gericht zur Aburtheilung überwiesen worden. Hoffentlich stellt sich deren Unschuld heraus. * Erdenbürg, 17. Juni. Der Sruhlrichtcr von Kapuvar meldet, daß mehrere mit der Erbitterung der Wühler zusammenhängende Brandlegungen vorkamen. Kaum Halle der Kandidat der NcgicrungS- Partei den Marktflecken Kapuvar verlassen, um nach Osli zu fahren, als eS in der Scheune des israelitischen Fleischhauers Fellner zn brennen ansing. Glücklicherweise wurde der Brand unterdrückt. Die Aufregung im Bezirke/ wo traurige lieberraschnugcn am Wahltage befürchtet werden, ist groß. 1>. Dn 11 a-Szerdahel y, 18. Juni. Die hiesige NcichStagSwahl hat dem Antisemiten LajoS Szabo den Sieg gebracht. Zur Feier desselben steckten seine Freunde den 5000 Einwohner zählenden Marktflecken in Brand. Es wird darüber berichtet: Duna- Szcrdahely brennt seit gestern an drei Seiten. Der Ort ist von der Apotheke bis zum Fischplatz, vom David'schcn Branntweingcschäft bis zum Bieschitz'schen Holzlager niedergebranut. Das Feuer haben, wie mit Bestimmtheit verlautet, die Anliscmittn gelegt. Der neugcwählte antisemitische Abgeordnete Ludwig Szabo kniete auf offen er Straße mit einer Fa hne nieder und schwur, die Inden zu vernichten; die Einwohner schwuren mit. Vis 10 Uhr Nachts sind achtzig Häuser niedergebrannt und hundcrizwanzig Familien obdachlos. Zwei Kompagnien Pionniere eilten zur Hülfclcistung. Während des Brandes fand eine Plünderung der Inden statt. Beim Kaufmann Wetzler verlangten drei Strolche mit dem Messer in der Hand Geld. Einer derselben wurde verhaftet. — Ein zweiter Bericht lautet: Ein riesiger Brand wnthct in Dnna-Szcrdahely. Von starkem Sturmwinde an gefacht, verbreitete sich derselbe mit rasender Schnelligkeit und machte jede Löscharbeit zu Schanden. Ein Bicnhcil der Stadt ist cingeäschert. Noth und Jammer sind groß. Zahlreiche Familien sind an den Bettelstab gebracht. So feiert der Antisemitismus seine Siegel — Vcrbö, 17. Juni. Als die Antisemiten sahen, daß ihr Kandidat nicht durchdringcn wurde, warfen sie Fenerbrändc in das Wahllokal, welches auS Holz anfgcrichtet war. Ein Wind kam ihnen zn Hülse. Fast die größere Hälfte des OrtS steht in Feuer. Militär ist requirirt worden. 0. Matter sdorf, 19. Juni. Während der Wahlhandlung cxzcdirtcn die Antisemiten derartig, daß die Gendarmen zum Gewehr greifen mußten. Frankreich. r. Paris, Juni. Es hat für die weitesten Kreise gewiß ein sehr bedeutendes Interesse, von dem Entstehen einer Vereinigung Kcnntniß zu erhalten, welche ihren Sitz hier in Paris hat. Diese Vereinigung nennt sich 1״ÜLU6 nationale contrc L’atlicisme״ und verfolgt, wie in ihrem Namen ausgedrückt ist, den edlen Zweck, dem Atheismus cntgegenznwirken und für daö reine GottcSbcwnßlsein die Gcmnthcr empfänglich zu machen. Giebt cs eine erhabenere, edlere Mission? Diesen! jungen Vereine gehören ausgezeichnete und angesehene Männer an, unter Anderen auch Mitglieder deö ParlamentS, bedeutende Gelehrte und Staatsmänner. Er hat aus die Sympathie aller Männer zn rechnen, die die Wurzel alles sittlichen und sozialen Leids in dem mangelnden Gottcsbcwußtsein erblicken. In jüdischen Kreisen wird er aber um so lebhafter begrüßt werden,