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Jeschurun · 1887-06-23 · Heft 25 (23.6.1887) · p. 395

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 25 (23.6.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1887-06-23
Page
395 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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395 Korrespondenzen nnd Nachrichten. Oesterreich-Ungarn. * Wien, 20. Juni. Ein Prcßburgcr Telcgrannn meldet der ״N. fr. Pr.": Gerüchtweise verlautet hier, daß in Duna-Szerdahcly neuerdings ein Brand entstanden ist. Von hier wurden weiter zwei Kompagnien Militär rcqnirirt, die Nachts dahin abgehen. In Duna-Szerdahely sollen Drohbriefe aufgcfundcn worden sein. Die jüdische Bevölkerung wird auf etwa 3000 Seelen angegeben, lieber den ersten Brand berichtet ein nach hier gelaugtes Privatschreibcn: Der Brand, welcher zwischen 12 und 1 Uhr NachiS zum AnSbruch kam, griff bei der -schlechten Konstruktion der kleinen ebenerdigen Hänschen mit einer solchen Raschheit um sich, daß die Bewohner derselben — durchwegs jüdische Familien — nur mit Noth daö nackte Leben reiten konnten. Szenen der schrecklichsten Verzweiflung fanden in dieser Nacht statt. Zu den Schrecken des Brandes gesellte sich noch die Furcht vor dem herumstreichenden Gesindel, welches sich aus der Umgebung und aus dem Orte selbst cingefuuden hatte. Mehr als hundert jüdische Familien sind obdachlos geworden. Mehrere Familien haben sich gestern ans Furcht vor den Ausschreitungen der zusammcngcrottcten Vörden nach Prcßburg geflüchtet. Eine Fran, Namens Fischer, welche heute Vormittags zur Audienz beim Kaiser in der Hofburg augemcldct war, befand sich gleichfalls unter den Flüchtlingen. Sie hat, nachdem ihr Häuschen bis ans den Grund niedergebrannt ist, fast nichts als daS Leben gerettet. Die Noth und das Elend der armen Leute — cs sind dies meist Gcstügclhändler und Hausirer — sollen schrecklich sein. An 70 Häuser wurden cmgcäschcrt. Ob auch Menschenleben dem Brande zum Opfer sielen, konnte bei der Verwirrung, welche herrschte, nicht konstatirt werden. Die Ortsseucrwehr sowie die später cintreffenden Feuerwehren konnten das Feuer erst am Morgen bewältigen. 0. Prestdnrg, 18. Imst. ״ Unser Reichstagsabgeordneter Herr Neißidler nahm bei seiner Wahlrede Veranlassung, sich über den Antisemitismus also zu äußern: ״Und wenn ich über die Judensragc mich nicht ausgelassen habe, so hat das auch seine guten Gründe. Die Judenfrage, die aber eigentlich ganz etwas Anderes bedeutet, als ihr Name besagt; ist eine ebenso heikle als schwiericgc. So wie sie von unseren Antisemiten aufgeworfen wurde, ist cs jedem friedliebenden nnd gerecht denkenden Menschen einfach unmöglich, mit den Antisemiten hierüber nur zu sprechen; sie wollen doch eine gewaltthätige Aktion, die kein Mensch mit feinem Gewissen verantworten kann, auch schon darum nicht, weit er nie wissen kann, wo diese Aktion endet und was sie Alles inö Verderben zieht. Ein praktisches Beispiel: Was nur die sogenannten harmlosen Indenkrawalle in Prcßburg, der auch sonst genug angefeindeten Stadt geschadet haben und noch schaden in der Bahn-, in der Brücken- und namentlich in der Universitätsfrage, das kann der ״Grcnzbote" nicht vcrauwortcn und gut' machen, selbst wenn er ztvanzig Jahre lang das Entgegengesetzte von dem schreibt, was er bisher geschrieben hat. Von den tausenden Gulden, die die Prcßburger Bürger noch zu bezahlen haben, die man eigentlich von ihm einkassircn sollte, rede ich gar nicht. Und dabei wird noch jenen, mehr oder weniger diskutirbaren Vorschlägen geschadet, die auf eine gesundere Gestaltung unserer volkswirthschaftlichcn Verhältnisse abzielen. Beschränkung der Wcchselfrcihcit, EMenzminimnm, wirksaniere Vertretung und Förderung der Interessen einzclner BevölkerungSklassen u. s. w., das sind sicherlich Ideen — sie sind wohl nicht neu — über die sich reden läßt; aber diSkredidirt man nicht diese vielleicht ganz gesunden Ideen durch die Art und Weise, wie man die Schäden der gesammtcn modernen Zustände einzig und allein den Inden in die Schuhe schiebt! Und da sollte ich vielleicht eine Strömung selbst nur durch einige verschämte Platonische Liebeserklärungen unterstützen, die der Lösung einer großen sozialen Frage, welche man, wie schon angcdentct, mit Unrecht die Jndcnfrage nennt, entschieden hinderlich sind! Nein, meine Herren! das ist gegen mein Gewissen, darum schwieg ich über die Judenfrage." *||* Pest, 19. Juni. Der Uutcrrichtsministcr von T re fort hat nach seiner Wahl in der iimcrn Stadt ein längeres Schreiben veröffentlicht, in welchen! er über den Antiseniitismus sich dahin ausläßt: ״Der AutiscmilismuS ist eine solche intcllektnelle Krankheit, welche in jedem Jahrhundert zumindest zweimal austritt; sie kommt und vergeht. Desto trauriger ist, daß sie ein Theil der Seelsorger der katholischen Kirche nährt, während doch diese Bewegung anti-christlich, also auch anli-katholisch ist. Der wahre Ehrist verfolgt keinerlei Nasse oder Konfession, arn wenigsten aber dürste er daö Judcnlhnn! ^verfolgen,, nachdem ans diesem mit Hinzutrilt der griechischen Philosophie das Ehristcnthnm entstanden ist. Diese Bewegung ist anti-sozial, daS heißt kommunistisch und ist gegen daS jüdische Eigenthum gerichtet. Wenn aber in gewissen Elementen der Appetit auf jüdisches Eigenthum erweckt ist, wird cs denselben auch nach dem Eigenthum des katholischen Bischofs und des katholischen Grafen gelüsten. Diese Bewegung ist zwecklos, inopportun, sinnlos, denn sie würde, falls die Juden wirtlich einen schlechten Einflnß ans die Gesellschaft hätten, diesen nicht paralysircn. Wenn die Inden Beschäftigungen anstrcbcn, welche eine

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