Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Article
- Deutschland : Berlin, 14. Juni [Nachricht]
- Date
- 1887-06-16
- Page
- 380 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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380 Freunde gar liebliche, fromme und erbauliche Worte. ES war am jüngsten Freitag Abend in der Tonhalle, da redete er zu ihnen maitch kräftiges, trostreiches Wort. Sic waren in großer Anzahl erschienen, um sich non ihm imb non einander zu verabschieden für die lange Sommerzeit. Da sprach er zn ihnen Hauptsächlich voll den Juden, daß sic während der Sommerserien über diesen wichtigen Gegenstand fleißig nachdenken 1nöd)tcn. Die Gegner glaubten schon, so erläuterte er ihnen die Sache, eS sei damit ganz vorbei. Aber nein, ״die Jndcnfrage muß auf der TagcSo r d n n n g bleiben; das deutsche Volk darf darüber nicht wieder ein schlafen." Freilich hätten die Inden bei den jüngsten Wahlen zum Reichstag ganz gut gewählt, Lazarus und Goldschmidt wären sogar für einen strammen Christlich-Sozialen cingctretcn, reiche Inden hätten auch erhebliche Geldsummen dafür beigcstcncrt — das änderte aber doch nichts an der Sache.. — Dann ging er mit den Professoren Lazarus und Goldschmidt gar scharf ins Gericht und zitirtc Delitzsch gegen die Inden. Er kam hierauf auf die Reichstagsdebatte über die Agitation gegen das Schächten und meinte, dieselbe wäre vollständig in Betrachtungen über das Recht der Inden aufgegangcn. Sodann stellte er das Prinzip der Christlich-Sozialen also auf: ״Wir wollen die Jndcnfrage in Frieden zn lösen suchen. Deutschland gehört den Deutschen, das Christcnthnm den Christen: wer uuchristlich, 111t־ deutsch ist, kann zivar bei uns leben, aber darf nicht über uns herrschen, sonst gehen wir verloren. Unser Dentschthmn jcstznhaltcn, unser Christcnthnm zu fördern, ist nicht nur unser Recht, sondern unsere heilige Pflicht. Der ist ein schlechter Deutscher, der in der Ausübung dieser Pflicht nicht seine Aufgabe sieht." Diese Herrliehe Ansprache ward mit stürmischem Beifall ausgenommen. Um halbzwöls Nachts trennte sich die Bersammlung in gehobenster Stimmmig. Cin Jeglicher hat sicherlich den frommen Vorsatz mitgenommen, während dcr Sommcrferien fleißig und crnstlichst über die Indensrage nachzudenken, um demnächst zu bcweisen, daß sie nicht eingeschlafcn ist, daß unter Leitung des Herrn Stöcker gar eifrig daran gearbeitet wird. Antisemitismus für immer! n. Hamburg, Juni. Uebcr die hiesige Talmud- Thora kann ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, nur Erfreuliches berichten. Sic steht ganz und voll auf dcr Höhe dcr Zeit und trägt nach allen Seiten den an sie gerichteten Ansordernngcn Rechnung. Alle Gegenstände jüdischen Wissens vom Alphabet bis znm Talmud finden Sie da vertreten, und es werden nicht, wie das in ncncrcr Zeit so beliebt ist, etwa ein oder zwei Stunden darauf verwendetsondern eine Stnndenanzahl, die cS jedem nur lernen wollenden Schüler ermöglicht, sich eine für den Laien genügende Kenntnis; religiösen Wissens anzucigncn. Daher erfreut sich die Schule eines sehr guten Nnfcö bei dcr vorgesetzten Behörde. Ein Beweis dafür liegt gerade jetzt vor. Im März, als die jährliche Prüfung zum Cinjährig-Freiwilligen Dienst stattsand, halte einer der Primaner das Unglück, gefährlich am TyphnS zu erkranken, und so konnte cr das Examen nicht mitmachcn. Als nun nach seiner Gencjnng der Obcrrabbincr sich bei der Schnlbchördc für ihn verwendete, ihn jetzt allein prüfen zu wollen, ging dieselbe bereitwilligst darauf ein. Und so hat vergangene Woche die schristliche und mnndliche Prüfung durch dcn Direktor 1)1׳. Friedländcr.stattgesunden, und hat der Examinand auch das Zengniß der Reife erhalten, so daß jetzt sämmtlichc Primaner die Berechtigung haben. Dieselben werden, da sich doch die meisten dem Kanfmamistaiidc widmen, sehr gern als Lehrlinge genommen, wo sic sich mit verschwindenden Ausnahmen gut bewähren. Um so befremdender und betrübender ist cS, wenn nianche, selbst religiös lebende Inden noch immer theils cin Vorurthcil gegen die Talmud-Thora haben, theils selbst dagegen anftreten. Wir können cS mit berechtigtem Stolze sagen, daß dieselbe mit keiner anderen hiesigen Bürgerschule den Wettstreit zu scheuen braucht, und daß sie außer dem noch dabei geleisteten Unterricht in jüdischem Wissen den sie besuchenden Schülern cS auch ermöglicht, dem שבת vollständig gerecht zn werden. Wahrlich cin nicht zu unterschätzender Gewinn, der von den Eltern lange nicht genug gewürdigt wird. Denn gestehen wir cS uns nur, dcr Knabe, dcr שבת die Schule besucht, sieht denselben doch mit ganz anderen Augen an, als der ihn nur im elterlichen Hanse und in der Synagoge kennt, und seine volle Weihe empfindet. Wie viel leichter wird cS Erstercin werden, wenn die Versuchung an ihn hercmtritt, dcn שבת zn entweihen! Leider sind sich manche Eltern dieser schweren Verantwortlichkeit nicht recht bewußt, oder gehen mit sträflichen! Leichtsinn darüber himveg. Wir wollen aber in dieser Beziehung doch nicht so trüb in die Znknuft blicken, sondern auf den שומר שראל vertrauen, der cS doch nicht gestattet, daß sich sein Volk entfremdet, sondern durch dcn Mnnd des Propheten verkünde! והבאתי אתבם במסורת הברית ״ich werde euch in die Bande des Bundes führen!" ׳Altona, 8. Juni. לא איש בשורה אנבי הרוב. Leider ist eS keine freudige Botschaft, die ich ihnen heute zu übermitteln habe; schon wieder ist uns durch den unerbittlichen Tod eine breite Lücke gerissen worden, und wir um einen dcr צדיקים, die מגין על הדור sind, ärmer geworden. Gestern am ט״ו פרן haben wir nämlich dcn am Tage vorher verstorbenen הה' ר" שמעיהו בן מוחר״־ר נתן בג״ל zu Grabe geleitet. Dcr Verstorbene wurde 1S11 in der Schweiz geboren und kam schon in