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Jeschurun · 1887-06-09 · Heft 23 (9.6.1887) · p. 364

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 23 (9.6.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Pest, 6. Juni [Nachricht]
Date
1887-06-09
Page
364 (sequence 2)
Language
German
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364 ״Ich erkläre Ihnen," erwiderte der Bürgermeister, ״daß ich als Bürgermeister von Czcglcd nicht dulden werde, daß solche Tage das Ansehen dieser Stadt bcflecken, wie die Märztage des Jahres 1864 waren. Wenn Sic die Ordnung stören, dann lasse ich Sie verhaften und, wenn cs nothwcndig ist, in Stücke hauen. Dein irregeführtcn Volke wird nicht das Mindeste geschehen." Vcrhovay und Esatar gingen nun auf den Kossnthplatz hinab, wo inzwischen die Menge aus Tausende angewachscn war. Die Menge denahm sich ruhig, das Militär stand in voller Bereitschaft in der Nähe, während die städtischen Haiduken einen Ring um die Versammlung׳ gezogen hatten. Eben wollte der Hanptkortcsz Vcrhovays, Ludwig Meszaros, die Tribüne betreten, als Bürgermeister Gnbody lau! und die Rednertribüne bestieg. Er hielt an das Volk eine Ansprache, die von demselben mit Nutze angehört ward. Der Bürgermeister erklärte, daß cS Jedem frcistche, sich für Vcrhovay oder Komjathy zu erklären, aber cs solle Nieinand aufreizen, denn die geringste Störung der Ordnung und Nnhe würde die Einmengung des Militärs hcrauSfordcrn. und dann wehe den Änfreizern! Nach dieser von der Menge schweigend ansgenommenen Erklärung betrat Meszaros die Bühne und empfahl Julius Vcrhovay zum Abgeordneten-Kandidaten. Nun hielt Vcrhovay seine Rede, protestierte gegen die Requisition des Militärs und erklärte, daß nichts zu befürchten sei. Darauf sprach er unter Angriffen gegen die Regierung über die Lage des Landes. Rothschild, der Herr der Welt, sagte Vcrhovay, erhalte jährlich 116 Millionen Zinsen von der ungarischen Negierung. Vcrhovay fordert, daß die Nation eine uugarisch-christlich-nnabhangigc werde und sagte, daß er auf seine Arntnth stolz sei und nie die Wucherer vcrtheidigcn werde, trotzdem ihn: hierfür große Sunnnen angcboten wurden. Er will die Judcnfragc im gesetzlichen Wege lösen, aber eher sterben, als sein Prinzip aufgeben. Während der Rede ertönten ab und zu Ruse: Elien Komjathy!" 6....!׳ Aus ^Ober-Ungarn. ״Es ist ein Finger Gottes! Von denjenigen sittlich verkommenen Individuen, welche in der schmählichen Affäre Tisza- Eszlar eine erbärmliche Hauptrolle spielten, um die Inden eines rituellen Mordes anznllagen, hat jetzt schon den Dritten die gerechte Gottcsstrafc erreicht. Der Erste, Georg Vay, zweiter Polizei-Aufseher, der die jüdischen Schisser Hcrschko, Schinilowitsch und Vogel durch grausame Tortur zu unwahren Geständnissen zwang, verfiel bald in eine schmerzliche Krankheit, in der er sein sündhaftes Leben endete. Der Zweite, Andreas Nctschky erster Polizei-Aussetzer, ein Niese von Ansehen, ist seit Monaten ein Insasse des Irrenhauses. Er hatte den kleinen Moritz Scharf zu der wahnsinnigen Aussage abgerichtct, daß in seiner Gegenwart sein Vater die Ester Scholmoschy abgcschlachtct habe. Nun kam die Reihe an den Dritten, den man als den cigentlidjcn Urheber der ganzen schauderhaften Szene bctrachten kann. Nämlich an den Geistlichen Josef Adamovitsch. Er war der Erste, der kurz nach Dermisjnng der genannten Ester in dem sehr gelesenen klerikalen Blatte ״Der ungarische Staat" einen geharnischten Artikel über den sabclhasten ״rituellen Mord" veröffentlichte, um das Lcscpublikum für seinen Plan: Das Verschwinden der Ester als einen solchen ״rituellen Mord" zu betrachten, vorznbereitcn und ihm die Nevanchc für solche Misscthat plausibel zu machen, was ihm auch bei einem großen Thcilc sür eine zcitlang gelang. Er crthcilte der Mutter Esters in Verbindung mit dem antisemitischen Lantagsabgeordncten Onody und dem mit der Angelegenheit betrauten antisemitischen Richter Vary Nathschlügc, nach dieser Richtung hin klagbar aufzntreten. Er war der eigentliche Verfasser. der durch Tortur erzwungenen famosen Protokolle. Endlich war er cs, der die Auffindung der Leiche Esters als einen ״Leichcnschmuggcl" bezcichnete. Er hat viel gesündigt und hat auch viel gebüßt. Seine Gemeinde trennte sich von ihm, und er litt lange und qualvolle Schmerzen ans seinem Siechbctte, auf welchem ihm der Tod als Erlöser erschien. Wir Inden sind gewiß versönlich, selbst gegen unsere grimmigsten Hasser. Wir vergeben nicht nur Jenen, welchen schon die gerechte Strafe ereilte, sondern auch Jenen, die von derselben noch verschont geblieben sind. Die Antisemiten mögen aber eingedenk sein der stets sich bewährten Worte des Königs David: Siche, er schlummert nicht und schläft nicht, der Hüter Israels. 6c. Ans der Theistgegeud. Wie sehr der größte Ungar, Ludwig Kossnth, den Antisemitismus vernrlhcitt, geht unter Andern! zur Genüge daraus hervor, daß er dem ihn jüngstens besuchenden LcmdtagSabgcordnctcn Hermann O tto, äußerte, daß er deshalb seinen Czcglbdcrn ihren Brief nicht beantwortet, weil sie ״Vcrhovay", von dem er schon früher nichts wissen wollte — und nicht viel weniger jetzt, seitdem er den Antisemitismus vertritt — zu ihrem Landtagsdcpntirlen wählen. Diese wichtige Acnßcrung KossuthS durchzog alle bedeutenden ungarischen nicht antisemitischen Blätter. 3Julius Vcrhovay Oicict alles ans, im! den Gegenkandidaten zu besiegen. Nach recht antiscnlilischer Art drohen seine Freunde, den Gegenkandidatcn Komjathy zu massakriren. Große de- Bestürzung herrscht hier im AnLiscmitcnlagcr wegen einer Erklärung KossuthS, daß VcrhovayS Wahl eine Schmach für Czcglcd sei. Man hat einen Deputirten nach Turin geschickt, wo Kossnth wohnt, um sich der Aulcntizität dieses Ausdrucks zu vergewissern.

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