Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-06-09 · Heft 23 (9.6.1887) · p. 361

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 23 (9.6.1887)
Article
Zur Judenfrage in Ungarn
Date
1887-06-09
Page
361 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932778--25184-2935525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M 23. Jeschurmr. 361 Znr Mkllfmgc m Ungar«. Daß bei den SÖnlilcu für bcn ungarischen Reichstag die Juden in den Vordergrund der politischen Erörtcrungcn sich gestellt sehen, so daß wohl keine einzige Kaudidatcurcdc in! Lande gehalten werden kann, ohne daß ihrer gedacht wird, ist das Werk der antisemitischen Wühlereien. Es ist bereits in der vorigen Nummer dieser Wochenschrift auf die antisemitische Tak'.ik aufmerksam gemacht worden. Die Judenfeinde haben cs verstanden, ihren verwerflichen Bestrebungen eine solche Bedeutung für das öffentliche Siaatslebcu zu verleiben, daß Jeder, welcher sich um ein Mandat für den Reichstag bewirbt, sich gcmüssigt sicht, Rechenschaft darüber abzugebcn, wie er sich zu denselben zu stellen beabsichtigt. Am 29. Mai d. I. hat darum auch der gefeierte Dichter Moritz Jokai, welcher in seinem Wahlortc Ka schau über sein bisheriges Wirken Nechcnschast ablegte und um ein erneutes Mandat kandidirtc, die Juden bezw. die Judenscindschaft zum Gegenstand seiner Äctrachtuug zu machen für angezeigt erachtet. Er wandte sich diesem Thema am Schlüsse seiner Rede mit folgenden Worten zu: ״Und nun noch ein Wort über die Antisemiten. Diese Partei konnte sich nicht einen ehrlichen ungarischen Namen wählen, da in der ungarischen Sprache für solche sträfliche Wühlereien gar keine Bezeichnung vor- Händen! — Sic mußte sich ihren Namen von den Juden erborgen, da antisemitisch ja gleichbedeutend ist mit antijüdisch. Wie sollte man aber auch eine Politik nennen, welche in einem Lande, das von den verschiedensten Bolksslänunen bewohnt ist, einen 600000 Scclcn starken Stamm verfolgt, welcher der ungarischen Nation anhänglich ist und ungarisch werden will! Wenn der Antisemitismus auch in andern Ländern als Unmenschlichkcit bezeichnet werden muß, so bedeutet er bei nnS auch noch eine ״nnpatriotische Thal". Wenn der jüdische Volksstamm wirklich Fehler besitzen sollte, so müßte man bestrebt sein, diese durch eine geschickte Methode zu beseitigen; allein Haß und Gcwaltthätigkeil bildeten nie ein Heilmittel. In den Ländern, in welchen zwischen den Katholiken und Protestanten ein sogenannter Kulturkampf geführt wird, hat der Antiscmitismns vielleicht noch einigen Sinn. Was aber sucht das w i! d c Thi er d eS Än tisc n! itismu S bei uns, wo alle Konfessionell tu Frieden und Liebe für das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes arbeiten und die größten Opfer bringen! Wenn die Konfessionen durch hochherzige Thatcn aneinander geknüpft sind, weshalb wollen die falschen Propheten des Antisemitismus, welche die Drachcnzähne des Hasses ausstrenen, das freundliche Einvernehmen zerstören'? Wahrlich, der RcligionShaß und die Verfolgung der Konfessionen sind nicht nur eine Unmenschlichkeit, eine unpatriotische That, sondern auch eine Gottlosigkeit in unscrm Lande, von welcher cs gesäubert werden muß." Jokais Worte werden gewiß tticht gattz spitrloS im Lande verhallen. Er zählt zu den Lieblingen der magyarischen Nalion. Auch von Ludwig Kossuth, dem großen ttngartschcn Patrioten, welcher in freiwilliger Verbannung im Anslandc weilt, wird eine Kundgebung über die Antisemiten verbreitet. Er ließ der Stadt Ezeglcd, welche durch die Entsendung VerhovayS in den Reichstag sich zu den! krassesten AirtisemitistunS bekannt hat, das Folgende melden: ״Sagen Sie den Czcglcdcrn, daß ich mich ihrer aus dem Innersten meiner Seele schäme. Ich habe ntich von Anfang an, als die antisemitische Bewegung kaum in Fluß gerieth, im hohen Grade tnißbitligend über dieselbe ausgesprochen, und das Treiben VerhovayS in tiefster Entrüstung verurthcilt. Ich vermag c-8 nicht zu fassen, wie anständige, redlich denkende Menschen cs zugebcn konnten, daß der Antisemitismus in Ungarn Boden gewinnen soll. Ans diesem Grunde habe ich jede Verbindung mit Szeglcd abgebrochen und ans keilten der Briefe eine Antwort crthcilt, welche mir von dort aus zugckommen sind." Möge auf dieses Verdikt, welches Kossnlh,'bei dessen Namensnennung jeder Ungar das Haupt in Ehrerbietung neigt, vom Lande beherzigt werden. Möge Ungarn mit einer verbrecherischen Bestrebung, welche also von den edelsten seines Volkes verabscheut wird, endlich gründlich brechen. Wir hoffen cS, glauben aber nicht, daß sich diese Hoffnung jetzt schon erfüllen wird. Korrespoudeuzcil mib Nnchnchtcil. Deutschland. ■fc Hanuover, 7. Juni. Gestern fand hier die Generalversammlung der Mitglieder der UnterstütznngSfasse für jüdische Lehrer, deren Wlttwcn und Waisen in der Provinz Hannover statt. In Verbindung mit derselben hielt auch der Verein jüdischer Lehrer der hiesigen Provinz seine Generalversammlung ab. Wir waren zn unscrm Bedauern verhindert, derselben andauernd anznwohncn und behalten eitlen nähern Bericht vor, sobald uns das Protokoll der Verhandlungen nnd Beschlüsse vorliegen wird. # Hannover- 7. Juni. Von dem Bureau- Direktor des Reichstags Herr Knack wird an die Vorstände der israelitischen Gemeinden, welche in An-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.