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Jeschurun · 1887-06-02 · Heft 22 (2.6.1887) · p. 348

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 22 (2.6.1887)
Article
Österreich-Ungarn : Wien, 27. Mai [Nachricht]
Date
1887-06-02
Page
348 (sequence 1)
Language
German
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348 O׳ c st c r 1־ c i 6) 11 *־ n g a r 11. <i. Wien, 27. Mai. Dem ״Memorandum", welches der Hof- und GcrichtSadvokat Pr. Sigmund ZciS Namens des Vorstandes der .,Oesierrcichischisraelitischen Union" in der Versamntlnng dieses Vereins zur Verlesung brachte, entnehme ich die folgenden Daten. Ich bemerke zuerst, dag hierorts besondere jüdische ReligionSschnlcn nicht bestehen, daß vielmehr die jüdische Jagend an den allgemeinen Schulen zwei wöchentlichc Nc!igionSstnnden erhält. Diese wurden im Schuljahre l665/86 an den Volksschulen von 23, an den Bürgerschulen von 13 und an den Mittelschulen von 9 Lehrern abgehalten. Es nahmen an denselben theil: 3781 Schüler und 3836 Schülerinnen der Volksschule, 762 Schüler und 1627 Schülerinnen der Bürgerschule und 217! Schüler der Mittelschule, ן oniit zusammen 6714 Schüler und 546:3 Schülerinnen, im Ganzen 12 177 Kinder. Die jüdische Gemeinde vcranSgabtc für diesen Unterricht mehr als 25000 Gulden. Die Vcreinsvcrsammlung nahm aber aus Antrag des Vorstandes eine Resolution an, daß der derzeitige israelitische Ncligionöuntcrricht in Wien seinen Ansordcrungen und Zielen nicht entspreche, daß vielniehr der systematische Unterricht in der hebräischen Sprache i׳.t den Lehrplan ausgenommen, die wöchentliche UnterrichtSzeit um 1 Stmtdc vermehrt, oder eventuell eigene ReligionSschnlen in den einzelnen Bezirken Wiens errichtet werden müssen. — Daß mit der Vermehrung der Unterrichtszeit um eine einzige 3(uubc dieses Ziel nicht erreicht wird, liegt ans der Hand, 1111b eS zeugt eben nicht von besonderer Einsicht, von dieser einen wöchentlichen Stunde, welche mit den bisherigen zwei zusammen drei ansmacht, das Heil des NeligionS- Unterrichts zu erwarten. Diese bescheidene Forderung stimmi schlecht zu der warmen und eindringlichen Mv'.ivirnug, auf welche sie ge st übt wird. Wie dem aber auch ist, es ist jedenfalls im hohen Grade ersrenlich, daß die Unzulänglichkeit dcS bisherigen Unterrichts in weiten Kreisen der hiesigen Gemeinde erkannt worden ist. Wenn der rechte Mann zur Stelle wäre, so müßte cS gelingen, diese Erkenntniß zur wahrhaften Hebung der religiösen Unterweisung nutzbar zu machen. Wir könnten hier selbstständige jüdische Volks-, Bürger- und Mittelschulen errichten; und wenn diese in dem rechten Geiste geleitet würden, so wäre die brennende Frage des religiösen Unterrichts unserer Jugend gelöst. u. Wien, 30. Mai. In der Sitzung des RcichSrathS vom 27. d. M. hatten die sechs Abgeordneten, welche die antisemitische Partei dcS ReichsralhS bilden, einen Antrag cingebracht, durch welchen nach Art der amerikanischen Ehincscnbill ein Gesetz geschassen werden sollte, das die Konkurrenz der Inden ans dem gewerblichen Gebiete beschränkt. Außer den sechs Antragstellern wurde dieser Antrag nur durch die Abgeordneten Lueger, Gamhaft, 1*. Fischer, P. Doblhamer, P. Pscheidcn, Fachs, Renmaycr, Platz, Zallinger, Oelz, Kaltcneggcr, Gras Szanr und Pscifcr unterstützt. Da aber nach der Geschäftsordnung für einen Antrag die Unterstützung von mindcsteitS 20 Abgeordneten erforderlich ist, für diesen Antrag aber nur 19 e'mtreten wollten, .so ging der ReichSrath unter großen! Lärm der Antisemitenbcmk zur Tagesordnung über. Der famose Antrag der Antisemiten hatte folgcnden Wortlaut: ״In Anbetracht dessen, daß das bei uns übermächtig werdende Jndenthnm die Interessen und Rechte der ehrlich arbeitenden christlichen Bevölkeriuig hindert; in Anbetracht dessen, daß das uns fremde Volk der Juden den christlichen Völkern seindlich cntgegenstcht und alle wichtigen Geschüfrszweige an sich reiß! — stellen die Gefertigten den Antrag: ״Das Hohe HauS!volle beschließen: die k. k. Regierung wird ansgefordert, nach dem Muster des in Amerika gegen die Einwanderung der Chinesen gesetzlich beschlossenen Anti Chincscn-GcsctzcS dem Abgeordnetenhause ein Anti- Smuten-Gcsctz mit strengen Bestimmungen gegen die Einwanderung mid Niederlassung ausländischer Inden in Oesterreich zur vcrsassnngSmäßigen Genehmigung vorzulegen."— Rach dem jüngsten Rechenschaftsberichte der Wiener israelitischen Allianz zählt dieselbe 4334 Mitglieder und besitzt ein Vermögen von 162 844 fl. ■\\■ Pest, 31. Ma. Die Pest er OberstaatSanwaltschaft hat an alle SlaaLSanwälte einen Erlaß gerichtet, in wclchem dieselben anfgcfordcrt werden, anläßlich der Wahlen jeder antiscmitischen Agitation entgegen zu treten. M. U. N an da ritz (Bukowina), 24. Mai. In! wohlthncnden Gegensätze zu den vom fanatische Nassenhasse durchtränkten Nachbarländern Rumänien und Rußland, bietet unser Kronland ein erfreuliches Bild, gleichsam daS einer lachenden Oase in einer vom tödtcnden Samnmhanche dcS Antisemitismus dnrchglühtcn Wüste. Sowohl Regierung, als Opposition sind in Bezug ans Inden von Wohlwollen und Gerechtigkeit ersüllt und bringen solche Gesinnungen bei jeder Gelegenhcit zum Ansdrucke. Nicht minder hat auch die anS verschiedenen R'ationalitälcn und Religionen zusammengesetzte Bevölkerung sich ihren gesunden Sinn bewahrt und läßt sich nicht von der antisemilischen Wnth infiziren. Unsere Landeshauptstadt Ezcrnowitz. sowie die dortige Handelskammer sind durch zwei unserer Glaubensgenossen im ReichSralhe vertreten. Erstere durch den sciuer Wohlthätigkeit wegen bekannten Herrn Wagner, Letztere durch den Direktor der Hypothekenbank Herrn Popper. Durch längere Zeit bekleidete unser Glaubensgenösse D1-. Atlas das Vi^onrgcrnieistcramt in der Landes-

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