Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Article
- Der Jargon
- Date
- 1887-06-02
- Page
- 347 (sequence 2)
- Language
- German
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347 kalrnndi scheu Schulen geführt, die scharfsinnigsten kasuistischon T!)einen Gehandelt und gelehrt worden, und wie der ״Pilpul" Hai der Erguß schwerbedrängter Herzen kein anderes sprachliches Medium gekannt. Jeder wahrhaft Gebildete wird sich also der Einsicht nicht verschließen, daß ein solcher Dialekt keineswegs zu verspotten fei; auch ist nicht über jedes Erbstück des MitielaUerS so unbedingt der Stab zu brechen. Eine au de ec Frage ist die um Existenzberechtigung des Jargons in der (Gegenwart. Hut! da fomnien wir direkt auf das eigentliche Ziel dieser Betrachtung. Mit Ausnahme weniger lauter Westeuropas, dauerte das Mittelalter für die Juden bis zur ztvciten Halste unseres Jahrhunderts. Aber endlich kam doch eine neueZeit und niit ihr kamen neue Forderungen. Die allmählig sich vollziehende politische Emanzipation erheischte gercchtcrweisc die Anpassung der jüdischen Bevölkerung in Sitte, Sprache und Pflege öffentlichen Gebens an die jeweilige. Paterlandsschaft. Die intelligenten und gutsitnirtcn Klassen haben sich nun mit fabelhafter Schnelligkeit zum gleichen Niveau mit den christlichen emporgeschwungen. Die große Masse der Juden jedoch, wie wohl an Talenten reich, ist hintan geblieben; cs galt, sic zu erziehen und heranzubildcn. Diese weitansgreifendc Arbeit, der sich Pereine und Einzelne unterzogen, wurde - zwar mit lobcnSwerthcm Eifer bcgouueu, licjene jedoch nicht das günstige Resultat. das man zu erwarten berechtigt war; und zwar weit in vielen Füllen nicht das Nichrigc ge troffen, weit matt besonders, — bei uns in Galizien — auf Irrwegen gerieth. Wir sagen bei ttvs, denn als in Rußland, wo die Verhältnisse in Bezug ans BildinigSstand des Polles fast den uusrigcn gleichgeartet waren, die Morgcnröthe der neuen Jen heran brach, cntwickelre sich eine vielumfassendc literarische Thärigkeit in der Mundart der niedcren Pokksllasse; man sah ein, daß man zu ihr verständlich reden müsse. ES erblühte daher in litrzer Zen eine reichhaltige überaus wenhvolle Jargon Viicraiur, au deren Brüsten das Poll feilten Wissensdurst stillte. Leider war nitd ist cs uid>t so bei uns in Galizien. Als die Regsam keil zur Po!lscrziehnug innerhalb des Jndcnthnms bei uns begann, mochten Biele aus Dünkel oder falscher Scham von dem jüdisch-deutschen Idiom leinen Gebrauch tnachen. Belachten doch die Halbge bilbetcn auch die besten Ideen, wenn sie im Jargon geäußert wurden. Mau machte die unnatürlichsten Sprünge. Weil der Gebrauch u!td die .Ueimtniß der Landessprache wnnschcnswerih erschien, sollte sie schon 00 ij>so von Jeden! gebraucht und verstanden werden. Gemeinnützige Schriften im Jargon über praktische Zeitsragen in belehrender und anziehender Form dein jüdischen Lohnträgcr, Handwerker und Dienstmanue zugeführt, Wiel viel Licht käme da über die Menge? Freilich umjj eine solche Edition einer starten Hand, einer hochgebildeten Kraft anvertrant werde״, aber an diesen mangelt es ja Gottlob nicht bei uns. Zichcm wir nun das Fazit des oben Gesagten, so crgiebl sich der von uns zu crtheilen beabsichtigte Rath von selbst. ES mögen einzelne Freunde ihres Polles so wie BilduugSvereiue ans den (Gebrauch des Jargons zu VollSerziehungSzwecken nicht verzichten, und im Gegemheil ihn lnlliviren als Basis für einen großen Wirkungskreis. In öffentlichen Berathnngen lasse man die freie MeinnngSäußerung in demselben hingehen ohne Jrouisiruug. Auch in der Gegenwart muß der Jargon liierarisch und künstlerisch zum Behnse der Bollsbiidnng verwerthet werden, er muß die sichere Uebcrgangs brücke zu der Landessprache werden; und für lange Dauer trägt dieses Perständignngsmittcl mit der Thatsache seines Bestehens auch seine Epistcnzbcrcchlignng in sich. Km'esMdcilM mtb Nalhnlhten. Deutschland. I׳\ Breslau, 27. Mai. Der Stellen-Nachweis- Verein jüdischer 5kanfleutc, Zentralkoinilcc Breslau, hielt am 24. d. M. seine ordeukliche General vcrsammluug ab. AuS dem zur Pertheiluug gebrachten Bericht über die zweijährige Thütigleit des Vereins, heben wir LlachstehendeS hervor. Der Verein zählt gegenwärtig :Z01 Beitgliedcr. ES sind ihn! 140 Vakanzen und 100 Bewerbungen angcmeldet worden und H5 Plazirnngcn gell'.ngeu, iunucrhiu ein stattliches;)Resultat unter den bckauurcll schwierigen Verhältnissen. Der Vermögensbestand belief sich am Schlüsse des ersten Jahres auf 2«i5,3<> J{:. und beträgt jetzt 450,58 J(x Dem Vorstände und dein Rendanten wurde, unter Anerkennung ihrer rastlosen Bemühungen, einstimmig Dccharge ertheilt. Der bisherige Vorstand, mit Ausnahme nur eines Mitgliedes desselben, und die Kassenrevisorcn wurden wiedcrgewählt. Die vornchmlichste Aufgabe; deS Vereins, welcher sich auch שומרי שגה nennt, desteht nicht sowohl darin, Stellen suchenden Kanflenlen solche nachznweisen, als vielmehr ihnen derartige Stellungen zu verschaffen, in!velchen sie an Sabbath- und Festtagen von jeglicher Arbeit befreit sind. Er; wirkt deshalb in eminenter Weise für die heiligsten : Anliegen des JndeiilhnniS und verdient die allseitigste Förderung Der heutigen Ausgabe dieser Zeitung liegt! der ׳Rechenschaftsbericht über das erste und zweite BcrwabnngSjahr dieser wackcrn Bereinigung an, welchen! wir der allgemeinen Beachtung empsohln haben möchten.