Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien, 15. Mai [Nachricht]
- Date
- 1887-05-19
- Page
- 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932775--25044-2935301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
316 Herren, daß der UiilerrichtSminister an eine solche Arbeit nur 13111 zager Hand schreiten kann. Er muß sich zwei Dinge vor Allen! gegenwärtig halten. Weniger Wissen — und das habe ich schon im Borjahre die Ehre gehabt zu erklären und erkläre cS heute wieder — als I,j§ nun dürfen die Gymnasialschülcr auch künftig nicht besitzen; aber etwas muß hinzutrctcn, daö heute vernachlässigt erscheint, und das ist das erziehliche Moment im Unterricht. Ich lege daraus großen Werth, denn ich glaube, daß gewisse Erscheinungen in unserem sozialen Leben die Wahrheit des Satzes erkennen lassen, daß. eS häufig unterrichtete, aber nicht erzogene Menschen gicbt, und das ist eine Aufgabe, welche die Reform unserer mittleren UnternchLSanstaltcn gewiß seinerzeit zu bewattigen haben wird." Auf diese eines Unterrichts- Ministers gewiß würdige Worte hatte der bekannte Antisemiteuhänptling, Abgeordneter Türk, die folgende Replik״ ׳Ich muß dem Herrn UnterrichtSministcr bcmerken, daß er sich im Irrthum zu befinden scheint: denn er scheint ״ungebildet" als gleichbedeutend mit ״nnverjudct" zu nehmen, weil bei nnS die Zuhörer nicht vcrjudct sind. Der Herr UnterrichtSministcr scheint also zn glauben, daß, wer nicht vcrjudct ist, auch nicht gebildet sein kann." Wie nothwcndig die von bcm Herrn Minister erwähnte bessere Erziehung der Jugend ist, erhellt auch aus dem Vorgehen der Burschenschaften der hiesigen Universität, welche sich nicht cntblvdcten, dem Abgeordneten Professor TomaSzczuk, welcher sich in der Sitzung von 2R April gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte, das folgende Schreiben zu sandten: ״Euer Wohlgcborcn! Unter Hinweis auf die in Ihrer Rede vom 20. v. M. gemachten Ausfälle gegen den Verband der Dcntschnationalcn, welche in den Worten gipfeln: ״Die Korruption wird geradezu ein nationales Unglück, wenn sie sich zn den! Objekt ihrer Verlockung die Jugend wählt und wem! sic in das Herz der Jugend das Gift des Hasses, des Neides und der jüdischen Gehässigkeit einimpst", müssen wir deutsche Burschenjchasrcn Wiens Ihnen als Nichtdenlschem vor Allem die Berechtigung absprcchcn, sich zum dcntschnationalen Lehr- Meister aufzuwerfcn. In begründetem Hasse gegen alles Unwahrc und Undentsche sprechen wir Ihnen, dem bcgeisterten Anwälte der korrupten, verlogenen jüdischen Presse und jenen keineswegs bcneidenSwcrthen Vertretern dcö deutschen Volkes in Oesterreich, welche eines Sinnes mit Ihnen, in ihrer Abhängigkeit vom Iudenthun! cö noch nie zu einer wahrhaft deutschen That bringen konnten, unser ticsstcS Bebaue!n aus. Nicht vom Gifte politischer Gehässigkeit erfüllt, sondern in glühender Bcgcisternng für die Größe und Ehre unserer deutschen Nation entflammt, werden die Burschenschaften Wiens nach wie vor in freier Selbstbestimmung an ihren deulschnationalett und daher antisemitischen Grundsätzen fest halten. (Folgen die Unterschriften). An Herrn ReichsratHS-Abgcordncten TomaSzczuk in Wien." Von Seiten des UntcrrichlSministcrS ist ein Verfahren gegen die Burschenschaften ans Anlaß dieser Adresse cingclcitet worden. *II* Pest, 10. Mai. Die Antisemiten haben cS wieder einmal fertig gebracht, durch einen rcgelrechten Iudcnkrawall die Ruhe zn stören. Nicht weit von hier liegt der Ort Vnda-OcrS mit einer ansschließlich deutschen Bevölkerung. Die hiesige Firma Polkak & (50. besitzt dort eine Kalkbrennerei, und der Mitinhaber des Geschäfts, Herr Samuel Pollak, wohnt daselbst. Er ist der einzige jüdische Einwohner dcS Orts. Vor ihn! wohnte ein anderer Jude dort, dem aber die freundlichen Mitbürger Hab und Gut demolirt haben. In Folge dessen war Pollak bei seiner liebersicdclung so vorsichtig, sich bei der Ortsbehörde zn informircn, ob er nichts Schlimmes zn befürchten habe. Man gab ihn! die beruhigendsten Versicherungen. In der Nacht von! Sonntag zn Montag erschien das souveräne Volk von Bnda-OerS vor 'den! Pollak'schcn Wohnhause, zertrümmerte im Nn sanuntliche Fenster und forderte Herrn Pollak auf, ungesäumt mit seiner Familie den Ort zu verlassen, wo für einen Juden lein Platz sei. Pollak suchte das HauSlhor zu verrammeln und flüchtete sich iu ein hofwärtS gelegenes Zimmer. Draußen aber begann man das Thor zu sprengen. Herr Pollak hielt es deshalb für gerathen, au ein slraßenwärtS gelegenes Fenster zu treten, um die wülhigc Menge durch Borstetlungcn und Versprcchungen zn beschwichtigen. Man möge ihm doch bis zum anbrechendcu Morgen Zeit gewähren, dann wolle er den Ort verlassen, man möge Mitleid mit seiner Frau, welche in gesegneten Umstünden sei, und mit seinen Kindern haben. Das Volk antwortete mit Steinwürscn. Am Kopse verwundet, mußte er sich znrückzichcn. Inzwischen wuchs die Menge immer mehr an. Man schickte sich an, regelrecht das Haus zu erstünncn. Da greift der für sein und der Scinigeu Leben besorgte Hausvater einen sechslänstgen Revolver und gab zwei Schüsse auf die Menge ab. Eine Kugel streckte einen Exzcndcnten, den. Wirth Flcischinann, tobt zn Boden, die andere verwundete einen der Angreifer. DaS schreckte die Menge zurück. Sic trug den Leichnam des Erschossenen, v.or das Haus des OrtSvorstehcrö und forderte die sofortige Verhaftung der jüdischen Familie. Als er sich weigerte, dieser Aufforderung zn folgen, drohte man, ihn anfzuhängen, und nun entschloß er sich, in Begleitung dcS Kleinrichters und zweier Knechte mit der Menge vor. PollakS Haus zn ziehen. Herr Pollak nebst Frau und Kinder wurde in das Gcnleindehauö gefangen abgeführt. Auf dem Wege dorthin warf die Menge mit Steinen nach ihm.