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Jeschurun · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. 292

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Article
Schriftstellerische Fälschungen
Date
1887-05-12
Page
292 (sequence 2)
Language
German
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292 ihnen gedankenlos Gehorsam; man wagt sich gar nicht daran, ihre Berechtigung zu prüfen. So gelten sie als unbestrittene Wahrheiten. Daher kommt cS, daß man die Fälschung und Täuschung nicht entdeckt, daß man nicht merkt, wie daS unter glcißncrischem Schein verborgene Gift an dem Lebensmarke dcS Volkes zehrt. Die falschen Lehren und Anschauungen treten in heiligem Gewände auf, sic tragen gleich dem Hohenpicster daS ״Gott geweiht" auf der Stirn. Aber weit entfernt, daS Heiligthum der göttlichen Wahrheit vor Verunreinigungen zu schützen, sind sie cS gerade, durch welche das jüdische Heiligthnm entweiht wird, sie, die Leichtsinn und Verrath dorthin tragen. ES sei hier vor Allem darauf hingcwiesen, daß, wie allbekannt ist, trotzdem man es gern ableugnen möchte, unsere großen Männer zu keiner Zeit der wahrhaften Wissenschaft Feind gewesen sind. Im Gegentheil; sic verehrten die allgemeine Wissenschaft als die liebliehe Gefährtin der Thorawissenschaft. Nur vor einer Afterwissenschaft, nur vor der mißbräuchlichen Anwendung dcS Wissens zu dem fluchwürdigen Zweck der Gotteslcngnnng und der Verführung znm Abfall warnten sic. Der gelehrte N. Naphtali Herz Wesel hat in seiner Schrift דברי שלום ואמת ans den Lehren unserer Ehachamim die Pflicht znm Studium allgemeiner Wissenschaft Nachweisen wollen und zu dem Zwecke auf den Ausspruch hingcwiesen: כל תלמיד הכם שאץ בו דעה נבלה מנה הימנה. Der gefeierte 91. JechcSkel Lauda gab zu diesem Ausspruch eine ErlänLernng, welche uns gerade in unser Thema cinführt. Er meint, der AuSdruck דעה enthalte ganz eigentlich den Begriff der Gottesfurcht. Nun sei in diesem AnSsprnche von נבלה di.e Rede. Vor der offen und unverholcn gelehrten und verbreiteten Lüge könnx man sich' hüten. Sie gleiche der נבלה, die sich durch ihre Ausdünstung an'zeigt, daß hier Tod und Moder herrsche. Der Gelehrte aber, welcher keine דעה, keine Gottesfurcht habe, der weiß seinen falschen Lehren den äußern Anschein von Wahrheit, und Gottesfurcht zu verleihen. Er verführt also die Menschen und lockt sie zu sich heran, und wenn er sic umgarnt hat, vergiftet er ihre Seele durch Apostasie. Darum ist die der נבלה vergleichbaren offen gelehrten Lüge bei weitem nicht so gefährlich. Wir habe.n die Absicht, im Folgenden einige dieser glcißncrischen Fälschungen einer Untersuchung zu unterziehen. (Fortsetzung folgt.) Was Itannm m siir Msm WlWchkk OÄer Win? Die in der Ueberschrist aufgeworfene Frage muß ihre befriedigende Antwort finden. Sie muß gelöst werden, sic darf nicht todtgeschwiegen werden.. Sie kann nicht eher auö den Erörterungen der Aufgaben, welche die Gegenwart an die Gesammtheit Israels stellt, verschwinden, bis cö keine unglücklichen Glaubensgenossen mehr gicbt, denen die bisherige Heimath zur dürren Einöde oder zu furchtbaren Kerker geworden ist, bis keine Juden mehr zu treffen sind, deren Dasein durch Bedrückung oder Verfolgung verkümmert ist, und die, Verzweiflung im Herzen, heimathloS und elend mit Weib unb Kind hcrumirren, von Ort zu Ort, von Land zu Land, von einem Erdtheil znm andern getrieben, nirgend eine Stätte finden, die ihnen ein gesichertes Heim gewährt, um unter emsiger Arbeit eine menschenwürdige Existenz sich zu schaffen.. Unsere Brüder dürfen nicht in Noth und Elend nntcrgchcn. Es darf kein Geschlecht in Israel heranwachsen,'welches der Segnungen einer gedeihlichen Erzichnng entbehrend, die nur an einem sichern Heerde gefördert werden kann, vollends entarten und verwildern muß. Es dürfen nicht ferner mehr jüdische ft'inber HeimathloS, in Herbergen, daS Licht der Welt erblicken und zu einem kummervollen, freudelcercn Dasein vorn Mnttcrschooße an vernrtheilt sein. So lange nicht dieses Elend und diese Schmach gebannt sind, so lange ruht auf jedem Juden, der ein Heim sein.eigen nennt, die heilige Pflicht, zur Lösung der Frage: was können wir für unsere unglücklichen Brüder thun? beizutragen. -; Auf dem europäischen Kontinent wird sie mit Nichten dadurch gelöst, daß man den Flüchtlingen einen Zehrpfennig und eine Eisenbahnkarte reicht,, damit sie sich immer weiter bis zu einem Hafenplatze schleppen können und endlich ein Schiss besteigen, welches sie einer fernen Küste cntgegenführt. Diese kluge Barm- Herzigkeit, die sich der unglücklichen Brüder möglichst rasch und billig genug zu entledigen sucht, hat sich durch die traurige'und jetzt nicht mehr zn leugnende Thatsache bitter gerächt, daß Tausende dieser ׳zielunb planlos Beförderten elender und gebrochener die Reise wieder nach dem europäischen Kontinent zurücklcgcn mußten, weil auch das ferne Land ihnen keine Heimstatte bot. ־; Englau.d löst nicht die Frage, wenn es zu der trostlosen ׳ Maßregel greift, die unglücklichen Brüder, welche jetzt - dort eine Zuflucht suchen, einfach wieder dorthin zurückzuscnden, von wannen sie gekommen.-

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