Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1887)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien, 29. April [Nachricht]
- Date
- 1887-05-05
- Page
- 284 (sequence 1)
- Language
- German
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284. G. Wien, 29. April. Der bekannte Antisemiten- Häuptling, und Neichsrathsabgcordnete ־Dv. Pattai hatte seinen Kollegen im NeichSrath Herrn Karl Wrabctz am 4. Februar l. I. in dem Kouloire des Abgeordnetenhauses einen gemeinen, niederträchtigen Menschen genannt, nachdem er während der Sitzung laut gerufen: ״Der Wrabctz lacht, nun ja, cr denkt ja wie ein Jude." Herr Wrabctz hatte nämlich während einer Ncdc des antisemitischen Abgeordneten Dr. Türk sich erlaubt zu lachen. Wegen dieser Beleidigung wurde 1>1\ Pattai gestern' zu einer Geldstrafe von 50 Gulden, eventuell zu zehn Tagen Arrests vernrtheilt, nachdem ihm der ungeheuerliche Versuch, die Wahrheit seiner Beschimpfung durch den Nachweis, daß der allgemein geachtete Herr Wrabctz ein gemeiner, niederträchtiger Mensch sei, zu erhärten, kläglich mißlungen war. G. Wien, I. Mai. ״Steter Tropfen hötcL den Stein" denken die Antisemiten .im NeichSrathr und lassen deshalb keine geeignete oder ungeeignete Gelegenheit sich entschlüpfen, um die giftige Saat ihres Hasses gegen die Inden auSzustrencn. Wohl wissen sic, daß sie bei der Majorität unserer Parlamentarier aus keinen empfänglichen Boden für diese Saatkörner zählen dürfen. Sic verlassen sich aber darauf, daß der Wind die Samenkörnlein durch die schönen^.Lande des großen Oesterreichs tragen und hier oder dort sich ein gecigncteS Plätzchen finden werde, wo sie üppig wuchernd ausschicßcn können. Und darin täuschen sie sich auch nicht. Wenn cö eine trostreiche Wahrheit ist, daß kein ernstes, redliches Streben zum Guten ganz erfolglos bleibt, wenn dieser Erfolg oft allerdings erst nach Jahr- Hunderten in die Erscheinung tritt und unter Menschen der Name dcS Edlen und Weisen, dem sie dieses Heil verdanken, längst vergessen ist, so ist es andrerseits aber leider ebenso wahr,׳ daß jede Anregung zum Schlechten -nur allzu rasch Früchte zeitigt. Den vcrführerischeu Reizen des Schlechten vertrauen darum die antisemitischen Parlamentarier und entweihen die Tribüne dcS Ncichöra.ths durch ihre Haß und Zwietracht schürenden Reden. WaS hat das Budget für CiSlcith.ameu mit den Juden zu thnn? Der edle Ritter von Schönerer weiß das besser. .O, der Mann ist in allen ritterlichen Künsten erfahren und geschickt! Er schlägt unversehens ein Salto mortale und ist. fluggS von dem Budget bei Len Juden angekommcn. DaS n'.acht ihn: so leicht Niemand nach — seine Freunde Türk und Pattai ausgenommen. Und da er bei den Juden war und weidlich über sie.Herzog,, da cS doch geradezu cn'.pörend und himmelschreiend sei, daß cs sogar auch reiche׳ Juden gebe, Lhat cr den bedenlsamen-.Ausspruch.: der Antisemitismus ist die größte Errungenschaft des gegenwärtigen Jahrhunderts! Ein solcher, die niedrigste Leidenschuft verherrlichende Ansspruch kann aber Gottlob in dem österreichischen Parlamente nicht ungestraft getljatt werden, gegen solch frivolem Hohn auf die sittliche Grundlage des österreichischen StaatcugcfngcS muß Protest eingelegt werden. Der gciftoolle Abgeordnete Dr. Tomaszczuk, Professor an der jungen, ausblühenden Czernowitzer Universität, wicS unter lebhaflestcr Zustimmung dcS NeichSrathS diese Frivolität in die gebührenden Schranken zurück. Er gab unter stürmischem Beifall die bedeutsame Erklärung ab, daß der NeichSrath die Bestrebungen Schöncrcrs und seiner Gcnvsicn vcrurtheile, daß cr sie als ein frevelhaftes Wagniß bezeichne, das zum nationalen Unglück führe, La sie die Jugend verführen und das Gift dcö Hasses, des Neides und der wilbesten politischen Leidenschaft verbreiten. Der Rassenhaß, als welcher der AntisctiSmnS auftritt, sei die entwürdigendste Leidenschaft, erniedrigender als der religiöse Fanatismus. Dieser sei doch mindestens aus einer Ucbcrzengnng hcrvorgcgangen, jener aber ledig-!ich das Produkt des gemeinen Ncid.cS. Konrmen werde der Tag, an welchem die nichtigen Phrasen des Antisemitismus allgemein als solche anerkannt werden, und die Sonne der Aufklärung die büftern Nebel, die heute noch den Horizont trüben, zerstreuen werde. P. Wien, 2. Mai. Es hat, ein freilich sehr geringes, aber immerhin Interesse, zu erfahren, daß der tapfere Herr v. Schönerer, der einmal wiederum durch seine jüngste giftige Liede im Abgeordnetenhause so viel zu reden Anlaß gegeben, sich dcö in seinen Augen jedenfalls unerhörten NcrbrechcnS schuldig macht, in seinen Kindern reine Semiten der Welt gegeben zu haben. Die ״Wiener Sonn- und Montagö-Zeitnng" hat sich die Mühe gegeben, den Familicnbezichungen dcS Herrn v.Schönercr eingehendere Studien zu widmen. Dieselben haben zu der Entdeckung geführt, daß die Gemahlin dcS Herrn v. Schönerer eine- Jüdin ist, welche einen Herrn Samuel Lecb Kohn aus Pohrlitz in Mähren zmn Ahn hat. Dieser Samuel Leeb Kohn Ließ sich .lausen ^und hieß fortan nach seinem Tauspüthcn Leopold Provandcr. Er erhielt den Taback- Großvcrschleiß von Pohrlitz und Umgegend, wurde später Armeelieferant, gelangte zu Vermögen und starb im Jahre 1632. Herr v. Schönerer erklärte nach dem stenographischen Protokolle in seiner vorwöchcntlichm Rede wörtlich'das Folgende: ״Unser Antisemitismus richtet sich nicht gegen die Religion, sondern gegen , die Nassecigcnthnmlichkeit der Juden." ״Unserem Volke aber mit seinem gesunden nationalen Sinn werden Sie es, auf die Dauer wenigstens nicht, weiß machen können, daß anS ein und derselben Iudmfamilie stammende Kinder etwas Anderes als cbm wieder. Juden sein