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Jeschurun · 1887-05-05 · Heft 18 (5.5.1887) · p. 280

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 18 (5.5.1887)
Article
Das schwarze Buch
Date
1887-05-05
Page
280 (sequence 2)
Language
German
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280!eine Ahnung von der tief durchdachten Erläuterung, die der verehrte Lehrer den lauschenden Schülern gab. Der Bortrag war zu Ende, die jungen Leute schlossen die Folianten und erhoben sich gleichzeitig. Das hierdurch entstandene Geräusch mußte den Zerstreuten geweckt haben. Mechanisch schloß auch er sein Buch und stand auf. Die Meisten der Anwesenden hatten, nachdem sie dem Nabbi gute Nacht gewünscht, daS Zimmer verlassen, Rüben wollte Ihnen folgen; grüßend verneigte er sich gegen den Lehrer, dieser jedoch hielt ihn zurück. ״Haben Sie noch einige Minuten Zeit, Rüben? ich möchte Sie um etwas ersuchen." Der junge Mann verneigte sich abermals, er wartete, bis die Uebrigcn sich. entfernt hatten, dann trat er einige Schritte näher zu dem Nabbi. ״Setzen Sie sich," sprach dieser, auf einen in der Nähe befindlichen Sessel deutend. Nuben entsprach der Aufforderung und blickte fragend zu dem Lehrer hinüber, doch schon nach wenigen Augenblicken nahm sein Blick wieder jenen Ausdruck der Zerstreutheit an, der eS offenbar machte, daß er vollständig vergessen hatte, wo er sich befand. Kopfschüttelnd blickte der ältere Mann aus den ihm gegenübersitzenden jüngcrn. ״Was haben Sie, Nuben?" fragte er endlich in freundlich wohlwollendem Ton, und als der junge Mann die Frage nicht zu hören schien, wiederholte er sie, indem er die Hand auf des Andern Schulter legte. Nuben blickte auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. ״Bitte sehr um Entschuldigung," murmelte er, ״ich habe nicht genau verstanden." ״Ich habe Sie gefragt, was Sic haben — ich fürchte, Ihnen ist etwas recht Unangenehmes widerfahren. — Wollen Sic eö mir nicht miltheilcu, Nuben? — Sie wissen, ich bin Ihr Freund." Das bisher bleiche Angesicht des jungen Mannes überzog sich mit lebhaftem Roth,. seine Lippen bebten, brachten jedoch keinen Laut hervor. ״Sie sindjung," fuhr der Andere - nach kurzer Pause fort, ״Sie haben keine Verwandten hier, der Nath eines ältctn Mannes könnte Ihnen vielleicht von Nutzen sein; wollen Sie mir nicht - mitthcilen, was Ihnen widerfahren ist? — Sie wissen, ich frage nicht aus Neugier." Der Athem dcS jungen MvnneS ging laut und hastig. ״Dank," stantmclte er, ״Dank, Sic sind sehr gütig. — Aber — ich glaube nicht —" . ״Daß mein Rath Ihnen nützen könnte? — ich , kann allerdings nicht das Gegeuthcil behaupten. Dennoch möchte ich Sie ersuchen, mir mitzuthcilen, was Sie so mächtig erschüttert hat. Kann ich Ihnen, obgleich ich es sehnlichst wünsche, auch nicht helfen, so glaube ich doch mit- Bestimmtheit, daß cs Ihr Herz einigermaßen erleichtern wird, wenn Sie sich einem Freunde gegenüber anSsprcchen. — Haben Sie vielleicht Streit gehabt mit Ihrem Chef?"- Nuben schüttelte dm Kopf. ״Streit nicht — aber —״ er stockte. ״Es scheint demnach ׳ doch eine Unannehmlichkeit mit Ihrem Chef —״ Der junge Mann schüttelte abermals mit einer gewissen Heftigkeit den Kopf. .״Herr Wertheimer hat mich nur ersucht — einige Zimmer im Grande Hotel zu bestellen." ״Das gehört allerdings nicht zu den Obliegenheilen eines Buchhalters, ich kann mir jedoch nicht denken —" ״Ach nein -— gewiß nicht — an und für sich hätte das׳ doch gar nichts auf sich.'— Herr Wcrtheimer hat mir so viele Wohlthaten erwiesen, ich schulde ihm so vielen Dank, daß cs mir stets willkommen ist, ihm irgend eine Gefälligkeit erweisen zu können. Aber —" ״Wem sind die Zimmer bestimmt, die'Sie. zu bestellen halten?" Der letzte Blutstropfen wich ans dem Angesicht des jungen Mannes, er schien kaum im Stande, die Worte hcrvorzubringcn, endlich flüsterte er kaum'hörbar: ״Einem Herrn — der sich mit Fräulein Wertheimer verloben soll." Dann wandte er sich hastig weg, die aufsieigende .Thräne in feinem Auge sollte nicht bemerkt werden. Es entstand eine Pause, voll inniger Thcilnahme ruhte der Blick des NabbiS auf "seinem Lieblingsschülcr; leise wiegle er das ehrfurchtgcbietcnde Haupt. ״Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu. — Doch dem ächten rechten Juden, dem bricht sie das Herz nicht entzwei, der weiß sich zu beherrschen, weiß seine Geftihle zu meistern. — Sie müssen fort, lieber Freund, so bald als möglich.müssen Sie die Stadt verlassen; das ist das Beste, was ich Ihnen rathen kann. Wenn Sie Ihrem Chef nur die leiseste Andeutung des Sachverhaltes machen, wird er sicher bereit sein, Sie so bald als möglich zu entlassen." Nuben schüttelte seufzend den Kopf. ״Es wäre das Beste, das sehe ich wohl ein — aber ich kann meinem Chef nicht kündigen, bevor eS mir nicht gelnügen ist, einen andern Posten zu erlangen — und wo einen solchen so rasch finden? Bedeutende Geschäfte, die am Sab» bath geschlossen sind, giebt eS nicht allznviele." ״Sie müssen sich eventuell mit einem geringeren Posten begnügen, müssen sich-einschrünken." (Fortsetzung folgt.)

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