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Jeschurun · 1887-04-28 · Heft 17 (28.4.1887) · p. 264

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 17 (28.4.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-04-28
Page
264 (sequence 2)
Language
German
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264 sendete ein fremdes Schiff — die Mannschaft sah ihn auf den Wellen treiben '— und — hat ihn gerettet." Die Blinde stieß einen gellenden Schreis aus. ״Mein Sohn gerettet! mein Sohn lebt!" Sie schien sich ans dem Bette stürzen zu wollen, Bella umschlang sie und hielt sie zurück. ״Tante! um GottcSwillen, Tante!" ״Wo ist mein Sohn?" schrie sic und streckte die Arme aus. ״Herr Doktor! um Gottes Barmherzigkeitwillen! — sagen Sie mir — wo ist mein Sohn?" ״Mutter!" rief er schluchzend und warf sich in die ihm entgegcngestrcckten Arme. ״Mutter! sagt Dir'S Dein Herz nicht, daß ich Dein Sohn?" Sie stieß einen schrillen, doch wie Jubel kliugenden Schrei aus, dann aber sank ihr Haupt zurück, die übergroße Wonne hatte sie ohnmächtig gemacht. Den Bemühungen dcö Sohnes und denen ihrer treuen Pflegerin gelang eS jedoch bald, sie wieder zu Bewußtsein zu bringen, zum Bewußtsein ihres nie mehr gehofften namenlosen Glückes. Und waö mm folgte? — das laßt sich leichter uachempsinden als nacherzählen. ־# Wir überspringen einen Zeitraum von mehreren Wochen. Die übergroße Freude hatte der Nekouvalesccntin nicht nur nicht geschadet, sondern hatte vielmehr ihre vollständige Genesung in nie geahnter Weise gefördert. Schon nach wenigen Tagen konnte Doktor Kohn seine Mittler und deren jugendliche Verwandte in seine eigene Wohnung führen. Die ganze Stadt nahm Antheil an der Freude des allgemein beliebten Arztes. Den Bruch seines Verlöbnisses schrieb man dem Stolze der'Familie Lewison zu, die der Verwandtschaft mit der russischen Emigrantin hatten entgehen wollen. ׳ Der Doktor widersprach dieser Vermuthung nicht, und wenn er in das, trotz der mangelnden Sehkraft, glückstrahlende Antlitz seiner Mutter blickte, dann empfand er. nicht einmal einen Schmerz über den Verlust der Geliebten. Doch schon nach wenigen Wochen, als er das sanfte, umsichtige, acht weibliche Walten seiner jungen Verwandten Tag für Tag sah, als er ihr reines, frommes Gemnth und ihren Hellen, klaren Verstand - mehr und mehr kennen.lernte, da pries er sich glücklich, der Verbindung. mit jenem zwar überaus reizenden, doch übcrnlüthigen und jedem ernsten Streben abholden Mädchen entgangen zu sein. .. Noch vor Beginn des Herbstes hatte er sich mit Bella verlobt, und wenige Wochen später ward sie ihm angetrant nach dem Gesetze MosiS und Jisrael. Frau Aronowitsch lebt im Hause ihrer Kinder, liebliche Enkel umspielen ihre Knie.' Sie fühlt sich so glücklich, daß sie behauptet, es hätte ihr Glück fauih gesteigert, als sie durch eine glückliche Operation ihr Augenlicht wieder erhalten. ׳ - Korrchoildcitzen und MchriW!^ Deutschland. -a- Berlin, 22. April. Von dem Direktor des hiesigen Statistischen Amts, Herrn Böckh, ist ein ״Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin" erschienen, welches die Statistik des Jahres 1864 zum Inhalte hat. Die jüdische Bevölkerung erscheint in derselben als sehr bildnngSfreundlich und wißbegierig. Sie weist 6474 evangelische, 1842 jüdische, 295 katholische und 16 dissidcntische Gymnasiasten auf. Zu Ostern 1684 zählte man 161 evangelische und 68 jüdische Unter- Primaner, 189 evangelische und 56 jüdische Ober- Primaner. Das Französische Gymnasium wurde von 257 Evangelischen und 176 Juden besucht, das Sophiengymnasium von 603 Evangelischen und 206 Juden.' In den höheren Mädchenschulen ist ein ähnliches Ber-. haltniß nachgewiescn. So hatte die Sophie'nschnle 477 evangelische und 358 jüdische Schülerinnen. In der Gcmcindcschnle zählte man 859 jüdische Schüler und 1156 jüdische Schülerinnen. Die ״Krcnzzcitnng" findet diese Fürsorge der jüdischen Bevölkerung für die Erziehung ihrer Jugend sehr bedenklich und richtet die worwurfsvolle Frage an das brandenbnrgische Konsistorinm: ״Warum geschieht nichts?" gegen Liese Gefahr. Sie nennt auch in derselben Nummer das Jndenthnm ״einen infcavirciibcn Bcstandtheil der sozialen Gefahr!" Jeder Vernünftige wird dagegen zugestehcn müssen, daß Bürger,' welche sich wie die Inden' bemühen, ihre Kinder zu tüchtigen und brauchbaren Menschen zu machen, ein Segen für das Gemeinwesen bilden, den! sie angehören. Eine ״soziale Gefahr" wird er vielmehr in dem Bestreben erblicken, den interkoufessionellen Frieden zu zerstören und Haß, Neid und Zwist unter den Angehörigen des Staats und der Gemeinde zu erregen. Es ist übrigens nicht uninteressant,' daß die ״Krcllzzcitung", welche von -der ״Norddeutschen Allgemeinen" dieser Tage eine derbe Abfertigung ihres Herrn und Meisters, des HosprcdigcrS Stöcker', hinzunehmcn hatte-, jetzt ihren Blick auf — Wien richtet und mit vielem Behagen sich von dort .aus über das Ftoriren des Judenhasses berichten läßt. Will sie ׳rtwa damit den Berlinern ein nachahulungöwerthcs Beispiel empfehlen?. . V, ־ > '* .. r .. ,

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