Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 15-16 (21.4.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-04-21
- Page
- 240 (sequence 2)
- Language
- German
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240 ״Ich sprach von dem, was ich von meiner Frau fordern werde." Flora ward bald blaß, bald roth. ״Lass den dummen Scherz," rief sie ärgerlich, ״oder ich müßte im Ernst glauben, daß Du verrückt geworden bist." ״Glaube, was Du willst, aber ich wiederhole, daß ich nie im Leben ernster gesprochen habe." * ״Und Du glaubst vielleicht im Ernst, daß ich mit Dir kauschcr essen werde? — daß ich mich mit Dir lächerlich machen werde? — mit Dir für verrückt gehalten werden will?" ״Wenn Du Dich nicht entschließen könntest, in religiöser Beziehung vollständig nach meiner Anschauung Dich zu richten —" - * ״NiemalsI" rief sie heftig. ״Dann — dann —" ״Nun? W8S dann?" rief sie wild, ״dann willst Du vielleicht mit mir brechen?" ״So schwer es mir werden würde — es würde mir nichts Anderes übrig bleiben," ־ sprach er leise, aber bestimmt. Ein nnartikulirter Laut entrang sich den bebenden' Lippen des jungen Mädchens, ihr sonst so regelmäßig schönes Antlitz hatte die Leidenschaft, die Wuth, die Wuih, die sie erfüllte, vollständig verzerrt. Die zuckenden Finger der einen Hand rissen von der andern Hand einen funkelnden Brillantring — der Doktor kannte ihn, es war sein erstes Geschenk. — im nächsten Moment hatte sie ihm denselben vor die Füße geschleudert. Der starke Manu erbebte. Wortlos jedoch neigte er sich zur Erde und hob ihn aus, dann zog er von der eigenen Hand einen ähnlichen Ring, legte ihn aus den Tisch, verneigte sich grüßend und verließ die Laube. Flora blickte ihm nach mit zornig funkelnden Augen, die Hände fest auf die hämmerde Brust gepreßt.- So glühend sie ihn geliebt hatte, in diesem Moment wähnte sie, ihn glühend zu hassen. Doch als er nach wenigen Minuten den geraden Pfad, der zum Wohnhaus.^führte, verließ und sich seitwärts, dem AuSgang des Gattenö zuwandte, da stieß sie einen gellenden, verzweiflungsvotlen Schrei aus: ״Isidor! — Isidor! — komm! ~ komm zurück, Isidor!" Er vernahm ihren Ruf und erbebte, doch er wandte sich nicht zurück. Er ..hatte den Bruch ja voransgesehen, hatte gewußt, daß es dahin kommen muhte. Denn so aufrichtig er,sie geliebt hatte, und so bünd ihn in gewisser Beziehung seine Liebe zu ihr gemacht hatte, ihr vollständiger Mangel an innerem Gehalt׳, hatte .ihm nicht verborgen bleiben können. Und wenn er sich auch bisher geschmeichelt hatte, es werde ׳ seinem Einfluß allmählig gelingen, jenen fehlenden Halt ihr. zu erschrn, seit er sich gelobt hatte, i ein neues, acht jüdisches Leben zu beginnen, , namentlich seit der Rabbiner ihn darüber aufgeklärt hattet׳ was. zu einem solchen Leben' erforderlich, seitdem hatte er gewußt, daß er sein Lerlöbniß mit ihr nicht werde ausrecht erhalten können. . . Doch der Bruch that ihm wehe, unanssprech- Lich wehe. Hastig raunte er die Straßen entlang, als gelte es durch äußere Bewegung die innere zu überflügeln. Er achtete nicht auf den Weg, und ohne daß er cS beabsichtigt hatte, befand er sich mit einem Mal vor dem Krankenhaus, willenlos hatten ihn seine Schritte dorthin geführt. Unwillkürlich"׳ blickte er auf die Uhr; zu dieser Tageszeit kam er gewöhnlich nicht hierher. Doch er besann, sich nicht lange und bald saß er an dem Bette seiner Mutter, hielt ihre Hand in der seinen und seinen Finger prüfend an ihren Puls. . Das junge Mädchendas sie Pflegte, hatte sich, wie gewöhnlich bei seinem Kommen, in die Fensternische zurückgezogen, doch beunruhigt blickte sie auf des Arzt, dessen geisterhafte Blässe ihr sofort ausgefallen war. Doch als .er jetzt an׳ dem Bette seiner Mutter saß, ward es allmählig ruhiger in seinem Innern, das wilde Pochen seines Herzens ließ nach, das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht drängte sich 'vor, tief ausathmend blickte er träumerisch vor sich nieder. Dem scharfen Ohr der Blinden, die sich für ihren opferfreudigen Arzt lebhaft interessirte, war seine heftige Erregung nicht entgangen. Schon ^zwci Mal hatte sie sich nach seinem Befinden erkundigt, er hatte nicht geantwortet, ob er ihre Frage nicht gehört? -- Jetzt begann sie zum dritten Mal,/indem sie, wie um ihn zu ermuntern, seine Hand Me drückte. ״Lieber Herr Doktor, sagen Sie iiiir doch, was Sie haben — ich fürchte, Ihnen ist ein Unglück geschehen.״ ״Nein," erwiderte er mit leiser, etwas bewegter Stimme, ״mir ist kein Unglück 'zugestoßen — denn wenn man gcthan hat,' was man als Pflicht betrachtet, so kann man das. nimmer als Unglück betrachten — selbst wenn es׳ schmerzt,"^ fügte er mit noch leiserer Stimme hmzn. ׳ ״Da haben Sie Recht," entgegnete die Blinde, ״treu erfüllte Pflicht kann \\\€ zum Unglück werden — aber eS giebt schwere Pflichten " \ ״Sehr schwere," sagte der Arzt, tief Athem holend. Es euLsiand eine Pause. . . ׳ ׳ : - ,i ״Wenn Sie mich nicht als unbescheiden betrachten würden, möchte ich Sie wohl fragen, .in -was. die schwere Pflicht bestanden^ die Sie erfüllt haben —*״׳ (Schluß folgt.) .