Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Rußland : Balta [Nachricht]
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 230 (sequence 2)
- Language
- German
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230 Mit diesen den Juden auf diese listige Weise entriffenen 20000 Dessjatineu wurden aber nicht etwa arme christliche Kolonen bedacht, sondern zunächst die hohen adeligen Großgrundbesitzer und dann mit einem kleinen Theile reiche christliche Bauern. Die ärmeren christlichcn Landleute waren darüber sehr erbost und äußerten sich den beraubten Juden gegenüber dahin, daß, falls sie hätten ahnen können, nicht selbst dadurch bereichert zu werden, sic gewiß ihren Nachbarn Lcigestanden wären. Die renitenten Kolonisten von Bobroki wurden aber auSgepeitscht und ihnen verboten, sich höhern OrtS zu beschweren, da sie sonst gänzlich von Haus und Feld verjagt werden würden. Daß unter solchen Umständen die Kolonien in ihren! Gedeihen gehemmt waren, ist klar. Endlich, nach acht Jahren wurde es den Kolonisten klar, daß ein Ukas gar nicht existirt habe. Sie suchten sich Recht zu verschaffen, da aber wurde ihnen jenes Aktenstück vorgelegt, durch welches sie selbst sich zur freiwilligen Aufgabe eines Theiles ihrer Aecker verstanden hätten. Sie nahmen einen Advokaten an, welcher sich einige Tausend Rubel Vorschuß geben ließ, bald aber, nachdem er die Sache anhängig gemacht hatte, verschwundcn war. Nun haben die armen Leute auch noch Gcrichtökostcn in Höhe von 5000 Rubel zu zahlen und sind mit ihrer Klage abgewiesen. Sie sind jetzt total ruinirt. Rumänien. * Bukarest, 18. März. Schon lauge war.cS dm Juden untersagt, wie die ״Oefterr. Wochenschrift" berichtet. Tabackssabriken zu besitzen. Wenn aber eine solche auf den Namen eines Christen lautete, konnten Juden sich mit dem Verkaufe abgcben und einen, wenn auch nur sehr kärglichen Prosit (da sie denselben mit nvmiellcn Firmeninhaber theilen mußten) daraus ziehen. Eine nette Verordnung, die am 10. Marz a. St. in Kraft tritt, verbietet strengstens, daß Juden sich ferner mit dem Verkaufe von Taback, Zigarren re. abgcben dürfen. Nicht einmal jüdische Bedienstete dürfen in einer Trasik angestellt sein. In Folge dessen gedenken viele Juden das Rauchen ganz aufzugcbm, oder wenig-' stens auf ein Minimum zu rcdirzircn. Man hofft, aus diese Weise die Negierung zur Zurücknahme dieses Verbotes zu bewegen. . . . Asien. *.SMyLLM. Das Einnahmebudget der hiesigen israelitischen Gemeinde beziffert sich aus 96 820 Frank und wird zum allergrößten Theile auf indirektem Wege durch den Ausschlag auf den Preis des ^V^-FleischeS aufgebracht. J!n .Auögabebndgct figuriren 19 228 Frank für Armmunterstützung, .17 445 Frank für das Beerdigungswesen, 13130 Frank für Unterrichtözwccke und 20 690 Frank für Gehälter. Durch Wohlthätigkeitsverelne zu verschiedenen Zwecken werden jährlich 50 000 Frank aufgebracht. Als Ersatz für die persönliche Militärleistung, von welcher die Inden gleich den Christen ausgeschlossen sind, zahlt die Gemeinde jährlich die Summe von 40000 Frank. Amerika. - II Newyork, 20. März. In den jüdischen Zeitungen macht eine Korrespondenz, welche zwischen Herrn August DinSwangcr in St. Louis und Herrn Benjamin F, Pcixotto hicr geführt worden ist, einiges Aufsehen. Da dieselbe geeignet erscheint, als eine treffende Jllustrirung der religiösen Anschauungen eines großen TheilS der amerikanischen Juden zn dienen, so. werden Sie, geehrter Herr Redakteur, mir dafür einigen Raum gewiß nicht versagen wollen. ES ist nicht gleichgüttig. die beiden Herren Bricsschrribcr etwas näher kennen zu lernen. Ich erlaube nur deshalb, sie Ihren Lesern hiermit vorznstellcn. Herr August BinSwanger ist ein sehr angesehener Mann und Gcrneindevorstehcr. In seiner Gemeinde, der Schaare-Emcth-Kongrcgation zu St. LoniS, ist man kürzlich auf den 'sublimen Gedanken gekommen, als neues Zugmittel für die Füllung des sonst ziemlich ' leeren Tempels neben dem Geistlichcn auch Laien predigen zu lassen. Man Lhut sich dort auf diesen gcscheidten Einfall viel zu Gate. Diese Einrichtung ist ja, wie Alles unter den! wechselnden Monde, der Vervollkommnung fähig, und so wird man gewiß auch bald dazu übergehen, Dainen die Kanzel besteigen zn lassen. Vorläufig beschränkt sich diese rhetorische Lcricnthätigkcit nur aus das starke Geschlecht, und Herr BinSwanger hatte neulich die Kanzel inne. Seine Predigt handelte von dein Judenthum der amerikanischcn Jugend. Der von seinem Thema und Priesterbcruf begeisterte Redner entwickelte das Ideal seines und der amerikanischen Jugend Bekenntnisses. Dasselbe besteht im Folgenden: Verwerfung dcS GlaubenS an die Göttlichkeit der Bibel; Abschaffung aller Gebete, welche an die Leiden der Vergangenheit erimicrn; Verwerfung der heiligen Sprache: Abschaffung aller Zercinonialgesetze, der Speiscgcsctze, dcS Sabbath und der anderen Festcszeitcn. Etwas Rumor' machte dieses allerliebste,' von der Kanzel eines Tempels, der angeblich noch ein jüdischer sein sott, verkündete Glaube'nSbckcntttuiß, und Herr BinSwanger fand eö für gut, sich brieflich an Herrn Benjamin F. Pcixotto, den Herausgeber der ״Mcnorah", einer Zeitschrift dcS - Bue-Vrith-OrdcnS, mit der kurzen Frage zu wenden, ob cr das religiöse Vekcnntniß der amerikanischen jüdischon Jugend korrekt dargestellt habe. Herr Pcixotto muß wohl in dieser heillen Sacheals Äutorita