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Jeschurun · 1887-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1887) · p. 229

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1887)
Article
England : London [Nachricht]
Date
1887-04-07
Page
229 (sequence 1)
Language
German
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229 . England. §§§ London, 30. März. Aus der jünsten Monatssitznng des UnterstützungSkomitce-S hebe ich daö folgende BcachtenSwerthe hervor. Die Einwanderung hat während der letzten fünf bis sechs Monate bedeutend abgeuommen, was bei der hier adoptirtev. Praxis kein Wunder nehmen kann. Wenn der Arnim hier das Schicksal, harrt, einfach wieder heim expcdirt zu werden, dann kann die englische Küste keinen besondern Reiz auf sie cmSübcn. Man hat auch die Zahl der hier ansässig Gewordenen weit übertrieben angegeben. ES ist jetzt konstatirt, daß deren nicht mehr als 2500 Seelen sind. UebrigenS täuscht man sich darüber nicht, daß eine neue Auslage russischer und rumänischer Bedrückungen die Einwanderung trotzdem vergrößern wird. Es kann nicht oft genug betont werden, daß die Pflicht gegen unsere nnterdrückten Glaubensgenossen eine die gesammtc Judcnhcit belastende ist. Sie Herr Redakteur, haben solches auch stets hcrvorgehobcn. Wenn nun der Kontinent aus verschiedenartigen Veranlassungen — bei Ihnen in Deutschland ist cS die Staatsgewalt, welche fremden armen Juden den Aufenthalt verjagt — die armen Auswanderer einfach nach England oder Amerika spedirt, so dürfte es doch nicht mehr als gerecht sein, wenn er auch zu den Kosten der Aufhülfe hier eine Beisteuer leistet. Die Last wird sonst in Wirklichkeit so groß, daß sie nicht getragen werden kann. Man muß gerecht sein. Der Kontinent darf sich nicht seiner Pflicht gegen die Armen entledigt zu haben glauben, wenn er die lleberfahrt zahlt und sich weiter um dieselben nicht kümmert. Es müßte doch eine Vereinbarung unter dm Juden in den verschiedenen Ländern dahin getroffen werden, daß inSbesondcrS diejenigen^ .bei welchen die Fremden sich nicht ansiedcln können, zu den Kosten der Aufhülfe den andern Ländern einen Zuschuß gewähren. Das wäre nicht mehr als recht imb billig. Ich maßemir in dieser schwierigen Frage kein erschöpfendes UrtSeil an. Aber ich möchte diese Ansicht ausgesprochen haben, weil sie mir wahr und recht zu sein scheint. Mögen andere Berufenere sie prüfen, weiter ansbilden und verwirklichen. , Rußland. -z- Warschau, April. Die jüdischen Gemeinden Polens sollen, wie mitactheilL wird, eine sehr erhebliche Summe insgcsammt haben erlegen müssen, weil sie für einzelne ihrer Glaubensgenossen, welche sich der Militär- Pflicht entzogen haben, je 300 Rubel aufbringen müssen. Nun würde man sich aber doch sehr irren, wenn man aus der großen Summe, welche aufgebracht werden mußte, die Zahl der wirklich fehlenden jüdischen Gestellungspflichtigen ermitteln wollte. Die Register sind nämlich nicht sehr zuverlässig geführt. ES figuriren als lebend, welche längst gestorben sind u. dgl. m. ־ -b- Krem, 1. April. Die Zahl der im Monat Februar festgcnommenen Inden beträgt ca. 150;. 107 erhielten den Ausweisungsbefehl; die übrigen wurden, per Schub in ihre Hcimath trausportirt. ■ -b- Kiew, 1. April. Nach den neuesten Er- Hebungen beträgt die Zahl der jüdischen Bauern im Kicwer Gouvernement 3050 erwachsene Männer. Es existiren im Ganzen 23 Gemeinden. . - ... 7.. Odessa, 29. März. Was die Ausweisung der bei den hiesigen Advokaten beschäftigten jüdischen Schreiber betrifft, über welche ja auch in diesen Blättern berichtet worden, so haben fünf derselben nach langem Bemühen noch eine Frist von drei Monaten erhalten, um sich während dieser Zeit nach einem anderen Platze umzuschen. Galta, im März. Die Zeitung ״WvSchod" berichtet über eine Katastrophe, welche die jüdischen Kolonisten betroffen, folgendermaßen. Seit den Zeiten des Kaisers Nikolaus waren im GouvernementPodolieu, Kreis Balta, zwölf jüdische Ackerbaukolonien entstanden, denen die verschiedenen Oberbeantten, welche nach'einander mit der speziellen Aufsicht derselben betraut waren, stets das beste Zcuguiß gaben. Im Jahre 1872, als Baron B.... u daselbst fuugirte, verbreitete sich das Gerücht, daß höherer SeitS angcordncl sei, den jüdischeu Kolonisten einen Theil ihres Besitzes zu nehmen, nur solchen unter die christlichen Kolonisten zu vcrtheilen. In der That ließ auch der vorhin erwähnte Beamte die jüdischen Bauern zitiren und theilte ihnen mit, daß ein solcher kaiserlicher Erlaß erfolgt sei. Er verlangte von ihnen, daß sie ein Aktenstück unterzeichnen sollten, in welchem sie bekennen, von diesem UkaS unterrichtet worden zu sein. Die jüdischen Landlcute waren damals des Lesens und Schreibens der russischen Sprache nicht kundig, jedoch vorsichtig genug, sich der Unterzeichnung jenes Schriftstücks zu weigern. .Der Herr Baron aber wußte bald Rath zu schassen. Er ließ sie acht Tage laug einsperren und hungern und machte sie so mürbe. Sämmtliche Kolonisten setzten ihren Namen unter das Schriftstück, mit alleiniger Ausnahme derjenigen von der Kolonie Vobroki. In dieser Akte befand sich nur eine kleine Abweichung des Textes, den ihnen der Baron B.... u vorgelesen. Es war hier nämlich gar nicht die Rede von einem UkaS, der auch in Wirklichkeit gar nicht erlassen war, sondern, daß sie, die jüdischen Kolonisten, freiwillig ihres BesitzthumS entsagten, weit sie keine Lust mehr hätten, die Felder zu bearbeiten. So waren die jüdischeu Kolonisten mit einem Male um 20 000 Dcssjatinen --- 21640 Hektare ärmer, und cs verblieb ihnen nur etwa 1 bis l*/2 Dessjatmen Land pro Familie.

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