Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1887)
- Article
- Rußland : Warschau [Nachricht]
- Date
- 1887-03-31
- Page
- 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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206 blickliche, ist auch für uns erschreckend. Die Ursache liegt in dem gänzlichen Darniederliegen der Geschäfte aller Branchen. Die Leute lebten stets — von einer verhältnismäßig geringen Zahl Begüterter und Reicher abgesehen — von Hand zu Mund in den lummerlichsten Verhältnissen. Von der Anspruchs- und Bedürfnißlosigkeit, welche hier zu Laude unter den Juden von jeher heimisch ist, macht man sich auswärts keinen Begriff. Was sollen aber die armen fleißigen Menschen machen, wenn ihnen die Gelegenheit zur Arbeit und dadurch der tägliche Zehrpfennig für den Unterhalt der Ihrigen völlig mangelt?׳ Die Zahl der Armen nimmt entsetzliche Dimensionen an. Personen, welche vor noch nicht allzu langer Zeit für bemittelt galten, wenden sich an die Gemeindeverwaltung und bitten um Almosen. Die Gemeinde vermag den nach Tausenden zählenden Bittstellern nicht gerecht zu werden. Die Anforderungen werden immer größer, die Mittel fließen immer spärlicher. Wir stehen vor einer furchtbaren Katastrophe. Gott bewahre uns davor, daß die Noth nicht zu einer sörmlichcn Hungcrsnoth mit dem ganzen Gefolge von Krankheiten ausartet! ■־; Wolosirr. Kürzlich ward die berühmte hiesige Ieschiba — wahrscheinlich in Folge unwahrer Gerüchte über den Bildungsstand ihrer Schüler — einer sehr strengen behördlichen Inspektion unterzogen. Das Ergebniß derselben war aber Gottlob ein sehr bcfriedigendes. Die Register fanden sich in bester Ordnung. Allen gesetzlichen Vorschriften war vollkounnen entsprochen worden. Mit fast verschwindender Ausnahme vcrmochten alle Schüler eine genügende Kenntniß der russischen Sprache nachzuweisen. Holland.. -5- Nottsrdam. Der ״Nieuwe Nott. Courant" enthält folgende Notiz: In Riva, in Italien, ist eine hebräische Inschrift aus dem Jahre 43Ü0 der Erschaffung der Welt oder 020 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung gefunden worden. Es ist dies das älteste Dokument in hebräischer Sprache, welches wir besitzen und wetteifert an Alter mit den frühesten griechischen Jnschristcn, die auf uns gekommen sind. Das Stück befindet sich jetzt in Händen des Professors H. Müller in Wien. England. * ZsnHmr, März. In Bezug auf die von uns wiederholt aufgeworfene Frage: waö soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden? thcilt uns HerrJsaac Baruei nrit, daß Diejenigen, welche in Australien mit 15 Pfd. St. in der Tasche und der erforderlichen Energie, Umsicht und Arbcitssreudigkeit ankounncn, wohl darauf rechnen dürfen, sich dort eine Existenz zu gründen. Es ist nicht klar, ob Herr Barnet hierbei nur an eine einzelne Person, welche nur für sich zu sorgen hat, oder an ein Familicnhaupt gedacht hat. V London, 25. März. Das Oberhaupt der kleinen samaritanischen Gemeinde Jakob-cs-Seltabi ist hier gewesen, um für den bedrängten Zustand derselben die Mildthätkgkcit der Inden in Anspruch zu.nehmen. Ein Grundstück ist ihnen abgcpfändct worden, und ihr Oberhaupt juchte hier die Mittel, um e3 frei zu machen. Die ganze Genteinschaft der Samaritaner in Nablus beläuft sich auf 135 Seelen. Türkei. * KorrstauLnwPe!. Der ״Pesther Lloyd" bcrichtet, daß bisher vor den türkischen Gerichten der Brauch geherrscht habe, jüdische Zeugen den Eid auf daS ״Hemd der Ewigkeit", das Todtcugewand (תבריכיס), ablcgen zu lassen. Nunmehr habe das türkische Justiz- Ministerium ungeordnet, daß die Israeliten auf das ״alte Testament" zu beeidigen seien. Palästina. * Den! ״Jewish World" wird ans Jcnlsalem berichtet, daß während des letzten Dezeuninnts die nächste Umgebung der Stadt mit zahlreichen Häusern bebaut worden ist, welche sich in Besitz von Juden befinden. Auf der Straße von Jerusalem nach Jaffa stehen schon 300 (?) solcher Häuser. In der Richtung nach Schcchem sind zehn Häuser errichtet worden 11. s. w. In Gaza sollen fürAschkcuesim undSefardim 160W0Huuugen hergerichtet sein. Afrika. * Aus Tunis wird von bedauerlichen Exzessen berichtet, deren sich dortige jüdische Einwohner schuldig gemacht haben sollen. Die llrfactjc der Erregung, welche einen so hohen Grad aunahm, daß vielleicht zun: ersten Male überhaupt Inden sich zu offener Widersetzlichkeit Hinreißen ließen, ist ans den Berichten nicht recht ersichtlich. Es scheint zu sein, als ob gewisse Bcstimmnugen hinsichtlich des BecrdignngöwescnS getrosten worden sind, denen jüdischer Scits ans religiösen Skrupeln nicht Gehorsam entgcgcngcbracht wurde. Welcher Art diese gewesen, ist uns nicht klar. Daß eS sich lediglich um die Anzcigepflicht der Todesfälle gehandelt haben soll, wie manche Blätter melden, halten wir für unwahrscheinlich. Näheres hierüber wird abzuwartcn sein. - Aus Tanger wird dagegen von neuen Verfolgungen und Unterdrückungen der Inden in einer benachbarten Stadt gemeldet. Man hat den Juden eine besondere Abgabe auf Mehl und Fleisch