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Jeschurun · 1887-03-24 · Heft 12 (24.3.1887) · p. 182

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 12 (24.3.1887)
Article
Mendelssohn und die Überlieferung
Date
1887-03-24
Page
182 (sequence 2)
Language
German
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182 ״Wir haben seine Werke in der Hand, und Alles, was er wirklich geschrieben hat, ist für uns. Die Neuerer können sich nur aus das stützen, was er vcrmuthlich würde geschrieben haben. Sie werden selbst verstehen, was schwerer ins Gewicht fällt. J!n Anfange dieses Jahrhunderts, wo er noch mehr in der Erinnerung derer lebte, die ihn selbst gekannt, gingen die Umgestaltungen des Herkommens mit Bewußtsein über Mendelssohn hinaus, ohne ihn zu'den Ihren zu zählen. Sein Standpunkt galt ihnen bereits als überwunden. David Fricdländer, jener Unterhändler mit dem Probste Teller, entwirft von ihm eine eigenthümlichc Schilderung, 'bei der man zwischen den Zeilen lesen muß. ES blickt daraus oaS Geständniß hervor, daß er an Mendelssohn nicht Alles begreifen und mit so manchen Zügen sich nicht befreunden könne. Gewiß gehörte dazu die Treue, welche Mendelssohn der überlieferten Lehre weihte. An eben diesem Aufsätze spricht Friedtänder auch von der Aufrichtigkeit und Wahrheitöliebe des Weisen, bei dem Schein und Wesen eins war. Er verschweigt nicht, daß derselbe kühne und umgestaltcndc Gedanken in sich trug, kühner, als er sie fassen konnte; daß er seine ungestümen jungen Freunde auf die Zukunft hinwies. WaS kann das anders gewesen sein, als der Gedanke, daß Judeuthnm und neuzeitliche Bildung wohl mit einander vereint werden können, daß hierbei nichts stürmisch herbeigezerrt, Alles der Zukunft überlassen werden müsse. Wie konnte Derjenige, welcher ein Feind der Nachäjferci war, nicht im Judeuthnm das Heil in der Erkenntuiß und geistigen Durchdringung deö Vorhandenen suchen? Darum brachte er ihnen nichts Fremdes, sondern die Gotteslehre in der Landessprache, darum bot ihnen der Biur, die hebräische Erklärung der heiligen Bücher, die ehrwürdigen Namen der alten großen Schriftdeuter. Wohl konnte Mendelssohn noch auf andern Wegen seine GlaubenSbrüdcr bilden, aber er mußte befürchten, daß der feste Boden des Herkommens wanken könnte. Hier aber hatten sic die Thora' und die Bil-nngS. mittel der Neuzeit in einem Buche vor sich. WaS lesen Sie aus seinem ,Jerusalem' Anderes heraus, als die Vcrurtheilnng jeder uujüdrschen Einschachtelung von Glauben-begriffen in Fragen und Antworten? Sott . ich Ihnen die unzählige Mate angeführten Stellen in diesem Buche wiederholen, die da zeugen, wie er mit dem talmudischcn Judenthum eins war? Wer hat .ihm bei jeder Gelegenheit befohlen, dieses Verhältniß so stark zn betonen? Der klare, entschiedene Denker konnte nicht anders, als, wenn ihm der Väterglaube am Herzen lag, dessen Unverletzlichkeit in allen Thcilen betonen." - ״Aber seine Kinder und Schüler?" ״Seine Töchter gingen erst nach seinem Tode von der Lehre des Jndcnthums ab; Mendelssohn hat ihnen die nothwendige Beachtung nicht geschenkt und besonders die Wichtigkeit dcS Unterrichts für Mädchen nicht eingcsehen. Dem lebenden Vater zeigten sie aus Achtung den inneren Zwiespalt nicht — sobald cu das Auge geschlossen, lösten sie die ehelichen Bande und verließen den Glauben der Väter. Dicö zur Nichtigstcllnng mancher Jrrthümer. Und seine Schüler? ES gehörte der Geist eines Mendelssohn dazu, nicht wankend zu werden beim Hcrcinbrechcn der neuen Bildung. Wer kann von sich sagen, er wäre anders gewesen? Darum fam das Wirken Mendelssohn den Kreisen zugute, welche ihn! ferner stauben und allmälig erst damit vertrant gemacht worden sind. Wer hat denn nach ihm Thora und Thilliin übersetzt und erklärt? Wer hat nach ihm in begeisternden Werken das Indenthnm in der Mizwah. in den Pflichten Israels begründet gefunden? Wo sind also seine Nachfolger, die Erben seines Geistes zu suchen?" ״Ich muß gestehen, er würde heute sicher gegen die Veränderungen im inneren Gebäude des Juden-- thumS austreten, nachdem er die Pfade für die Zukunft sicher und genau gewiesen: nichts ausgeben, aber auch nichts aufnehmen, als die vaterländische Bildung und die Vatcrlandspflichten!" ״Da sind wir, wo wir sein wollten! Durch dies Geständniß ehren Sic ihn und beugen sich vor den Thalsachen."- ״Bevor wir nnS trennen, noch Eins: Die würdigste Feier des großen ManncS geht in der Schule, vor dem empfänglichen Kindcrherzen vor sich. Haben Sie das Mädchen zum Schlüsse sagen hören: ,Die Thora, wie das Menschthum wahren wir?' Darüber hätte sich der bescheidene Mendelssohn am meisten gefreut. Wir sehen uns noch nicht oft genug — ich muß über Vieles, waü Sie heute angeregt, noch Aufklärung erlangen." Wir drückten uns die Hände und trennten. uns. - Am jÜKgß MMMM Zeit. ׳ Novelle von Friedrich Nott. . (Nachdruck verboten.) . . . (Fortsetzung.) ׳ ״Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, wenn ich störe; doch Vormittags, zur üblichen Sprechstunde, ist eS mir nicht möglich." ״Daö läßt sich denken," erwiderte der Rabbiner, durch eine Handbewegung den Andern zum Sitzen einladend, ״der praktische Arzt ist Vormittags wohl ant meisten in Anspruch genommen." ח ־

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