Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-03-17
- Page
- 168 (sequence 2)
- Language
- German
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168 Theater, in Konzert ober in Gesellschaften begleiten kannst." ״Nicht übel!" lachte Herr Lewison, ״man sicht, Dn profitirft doch etwas von Deinem gelehrten Bräutigam." ״Ach, das habe ich nicht von meinem Bräutigam prosstirt, bas habe ich anS einem englischen Roman — wie heißt er doch gleich? — Na, gleichviel — aller in England giebt es Franc» oder vielmehr Weiber, bie mit ihren kleinen Pflegekindern so verfahren und die man deshalb Engelmacherinnen nennt." ״Und Du beabsichtigst, diese Methode in Deutschland auch bei Erwachsenen einznfnhrcn? — Wollen das ein anderes Mal überlegen. Borlänfig setzt Euch, Kinder, und lasset cs Euch schmecken." Flora und ihr Bräutigam nahmen ihren gewöhnlichen Platz, den Eltern gegenüber, ein. ״Iß, Isidor, dieses Hascnfilet kann ich Dir in Wirklichkeit empfehlen, cs ist deliziös." Unwillkürlich nahm er die Gabel in die Hand, doch plötzlich ließ er die Hand sinken and liefe Blässe überzog sein Gesicht. ״Ui» des Himmelswillcn, Isidor! was ist Dir?" ״Nichts!" stammelteer, ״nichts! — cs geht schon vorüber." ״Sie strengen sich allzu sehr an," sagte Herr Lewison kopfschüttelnd, ״das ist nicht recht, das halten Sie für die Dauer nicht aus." Doktor Kohn athmete tief auf. ״Es ist bereits vollständig vorüber. Ich habe in den jüngsten Tagen, beziehungsweise Nächten, in der That sehr wenig geschlafen, ich werde mich heute etwas früher niederlegm, dann ist das Gleichgewicht rasch wieder hergcstellt." ״Wer weiß," sagte Flora ärgerlich," irgend Jemandem braucht nur die Nachtmütze zu drücken, so läßt er Dich rufen, und Du bist um Deinen Schlaf." ״Das wollen wir doch nicht hoffen," entgegnete er lüchclnd. ״Aber wenn Du Dich jetzt wieder ganz wohl fühlst, so zeige cS auch und iß." Der Doktor wechselte die Farbe. ״Verzeih', liebe Flora, heute ist es mir nicht möglich." ״Es wird schon gehen," drängte sic, ״versuche cS nhr, mir zu Liebe trinke wenigstens eine Tasse Bouillon." . ״Nein, nein, ich danke, cs ist in Wirklichkeit uumöglich." ' ״Mit Deiner Liebe ist cs auch nicht weit her," schmollte das schöne Mädchen, ״wenn ich Dich bitte, ein wenig Bouillon zu trinken und Du das nicht einmal thust." ״Ich werde Dir zu Liebe ein Glas Sodawasser trinken; bist.Du nun zufrieden?" ״Nein," entgegnete sie ärgerlich, ״Du thnst nur kranken Leuten etwas zu Liebe, gesunden aber gar nichts." ״Wie geht cs Ihrer Mnttcr?" fragte Herr Lewison. ״Ich danke, die Besserung schreitet Gottlob stetig fort, ich hoffe, daß sie in den nächsten Tagen das Bett wird verlassen können." ״Dann wirst Du Dich ihr wohl bald zu erkennen geben?" ״Ich hoffe, cs demnächst wagen zu können." ״Aber vergist nicht, daß ich dabei sein muß." ״Ich dachte. Du könntest die Luft im KrankenhanS nicht gut ertragen." ״O! für ein Mal wird mir's nicht schaden." , ״Isidor hat recht," sagte Frau Lewison, ״Dn hast Dich nach Deinem vorigen Besuch im Kranken- Haus sehr unbehaglich gefühlt." Flora warf ihr einen unwilligen Blick zu. ״Es bleibt dabei, ich muß gegenwärtig sein, wenn Isidor sich seiner Mutter za erkennen geben wird. Hörst Du?" ״Die Botschaft hört er wohl, allein ihm fehlt der Glaube," sagte Herr Lewison lachend. ״Das schadet nichts," entgegnete Flora ebcnsallö lachend, ״für den Glauben gebe ich nichts." ״ES war schon ziemlich spät, als der Doktor den Heimweg antrat; Flora hatte ihn nicht früher fort» gelassen. Den Kops auf die Brust geneigt, schritt er sinnend durch die verödeten Strafen. Wie sollte das in der Zukunft werden? — Er hatte sich gelobt, fortan als streng frommer Jude zu leben. — Zwar kannte er von den rcligionsgcsctzlichcn Vorschriften nur sehr wenige und die wenigen ungenau, aber er wußte doch, daß eS eine ganze Anzahl Speisegcsctze giebt, die es dem gesetzeslrencn Juden unmöglich machen, am Tische des Nichtreligiöfen zu speisen. Darum hatte er Mittags in der iüdijchen Restauration das Mittagessen eingenommen, und darum war Abends am Tische seiner präsumptivcn Schwiegereltern die Gabel seiner Hand entglitten. — Doch wie 'sollte das in Zuknnst werden? Es war in den Nachmittagsstnnden deö folgenden TageS; der Seelsorger der israelitischen Gemeinde, Herr. Doktor N .. ., befand sich in seinem Studirzimmcr, als ihm eine. Visitenkarte überreicht wurde mit der Bemerkung, der betreffende Herr lasse um eine Unterredung ersuchen. Auf die znstimmendc Erwiderung des Rabbiners trat gleich darauf Doktor Kohn mit höflichem Gruße in das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) -