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Jeschurun · 1887-03-10 · Heft 10 (10.3.1887) · p. 155

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 10 (10.3.1887)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1887-03-10
Page
155 (sequence 2)
Language
German
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155 die christliche. Gesellschaft durch ihr freches Auftreten beleidigen und die öffentliche Meinung durch ihre Presse fonumpircn. Wir glauben, daß cs dem ״Hannoverschen Courier" nur sehr willkommen sein kann, wenn wir seinen Irrthum berichtigen. Er wird sich sicherlich keine eingehendere Kenntniß der deutschen Israeliten als uns zuschrcibcn wollen. Wir können den von ihm gewiß im guten Glauben ausgestellten Behauptungen entgegenhalten: a, daß die Meinung, die deutschen Israeliten gehörten in ihrer Mehrzahl politisch der äußersten Linken an, so sehr der Wirklichkeit widerspricht, daß ׳vielmehr das gerade Gcgentheil die Wahrheit ist; b, daß die Berliner israelitische ״goldene Jugend" doch wohl auch nach der Ansicht des ״Hannoverschen Courier" auf keinen Fall die deutsche Judcnheit reprasentiren und ihre Thvrheiten und Ungezogenheiten, selbst wenn sie darin Bedeutenderes leisten sollte als ihre christliche Kameradenschaft, den AntisemitlSmus umnöglich beschönigen kann; e, daß selbst wenn einige politische Schriftsteller mosaischen Bekenntnisses oder israelitischer Abstammung einen Ton anschlagcn sollten, welcher nicht angemessen wäre, un< möglich die etwaige Taktlosigkeit dieser Journalisten den Antisemitismus zu entschuldigen vermögen. Wir sind überzeugt, daß der ״Hannoversche Courier" die Nichtigkeit unserer Bemerkungen unter b und c vollkommen nncrfcmun und uns wegen des unter a Gesagten Glauben schenken wird, und zwar um so mehr, als er ja auf das von jüdischer Seite Einbczcugte ein sehr großes Gewicht legt, wie seine Zustimmung 'zu der Erklärung des Professor LazaruS in Berlin in den! vorliegenden Leitartikel bezeugt. -a- Berlin, 6. März. Der Wahlkampf und der im Innern der Parteien wntheude Kampf bildet für ein den besonderen Interessen des IndcnthumS gewidmctcs Organ keinen Gegenstand der Besprechung. Wohl aber hat ein solches Kenntmß zu nehmen von den Aussichten, welche die Gegenwart für die zukünftige Lage der Inden bietet. Wer den Antisemitismus für einen überwundenen Standpunkt betrachten würde, möchte sich sehr irren. Er lebt und giebt bedeutungsvoll Zeichen seines Daseins. In der jüngsten Versammlung der Christlich-Sozialen in der Tonhalle verkündete Stöcker urbi et orbi, daß die Berliner Bewegung des Kampfes gegen das Iudmthmn nicht enträtselt könne. Daß znm ersten Male kl Deutschland ein' Antisemit als solcher in den Reichstag gewählt sei, beweise die nicht zu unterschätzende Macht des Antisemitismus und zeige, daß das deutsche Volk willens sei, den Kampf gegen die Anmaßung des IndcnlhumS wieder ausznnehmen. Ich glaube nun allerdings nicht, daß Vöckel-Capistrano und sein Wahlkreis das gescrmmte deutsche Volk dar- ׳ stellen, glaube auch nicht, daß Herr Stöcker und sein. Anhang als die Vertreter des deutschen Volksgeisteö betrachtet werden müssen. Das aber glaube ich allerdings, die Herren Stöcker und Wagner reprasentiren eine gar nicht zu unterschätzende Macht, und ein AuSspruch von ihren Lippen ist bedeutungsvoll genug, um als ein Hinweis angesehen zu werden für die mit erneuter Kraft geschürte Bewegung, welche von erlauchtcr Seite keineswegs als eine Ehre des Deutschen Namens bezeichnet worden ist. 6. Berlin, 8. März. Ein Reporter der ״Kreuz׳ zeitnng" mckdct: Der Professor Gold schm idt, welcher ebenso wie der Professor Lazarus ein Flugblatt der reichStrencn Partei unterschrieben, wandte sich briestich an den Fürsten Neichskanzlcr, um die Inden gegen antisemitische Angriffe in Schutz zu nehmen; besonders betonte der Professor darin die Frage: Wieso die Juden der Fortschrittspartei in die Arme getrieben werden u. s. w. — und beantwortete dieselbe etwa dahin, daß der Antisemitismus unaufhörlich und ungenirt gegen die jüdischen Mitbürger und deren Rechte seit Jahr und Tag vorgehe, Unfrieden in die Bevölkerung säe und doch seitens der Negierung nichts geschehe, um dem ein Ende zu machen; wogegen die Fortschrittspartei die Juden in Schutz nehme und sich verpflichte, ihnen ihre bürgerlichen und staatlichen Rechte nie zu schmälern, während der Antisemitismus, der auch in den Reihen der Konservativen Aufnahme gefunden, an diesen Rechten mit Macht rütteln wolle. Diese Befürchtungen der deutschen Inden, immer noch in ihren stnatSbürgerlichen Rechten beeinträchtigt werden zu können, müssen dieselben die Fortschrittler als ihre Freunde erscheinen lassen und naturgemäß sie zu Anhängern derselben machen u. s. w u. s. w. In Folge dieses Briefes an den Fürsten Reichskanzler empfing Fürst Bismarck in etwa zweistündiger Audienz den Professor, und erklärte ihm, daß er volles Vertrauen in die jüdischen Mitbürger setze, nicht daran denke, deren Rechte zu schmälern; doch falls er jetzt gegen den Antisemitismus Vorgehen würde, würde man behaupten, der Fürst brauche Geld und suche nun die Inden auf u. s. w. ״Eine Anregung der Negierung, den AntisenritiSmuS zu unterdrücken, Durchlaucht, würde genügen, diesem Unwesen ein Ende zu bereiten" war der Vorschlag des Professors den der Fürst mit Dank entgegennahm. ל Hamburg, 6. März. Es ist nicht zn ver-' wundern, daß., die Eröffnung des neuen Friedhofs in Langenfelde von Vielen mit scheelen Augen betrachtet wird. Trotzdem müßte man an nehmen, daß jeder Redliche Achtung vor dem entschlossenen Muthe und der Ausdauer unseres Herrn OberrabbiuerS hegen sollte, der für das von ihm als recht Anerkannte mit Veharrlichkeit jahrelang gekämpft uub gestrebt hat. Der hiesige Korrespondent der ״Israelitischen Wochenschrift" ' glaubt sich aber gcmüssigt, diese Thaldes Rabbiners

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