Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-03-10
- Page
- 152 (sequence 2)
- Language
- German
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entrissen worden — was würden Sie sagen — wenn Sie hören würden — daß er lebt und den Sabbath entweiht?" ״Nein, nein!" rief die Blinde hastig, indem sic den Kopf schüttelte, ״so etwas müssen Sie nicht fragen, das ist nicht schön von Ihnen. — Mein guter, braver Sohn! — er ist gestorben, um den Namen Gottes zu heiligen! — und nun soll man fragen — Nein, nein! das müssen Sie nicht thun!" Der Doktor schien zusammenzubrcchen unter ihren Worten, aus seinem blassen, verstörten Antlitz sprach vollständige Vernichtung. Er war vorhin zurückgesunkcn in den Sessel, jetzt erhob er sich langsam, athmcte einige Mal tief auf, dann sprach er wieder wie gestern: ״Regen Sie sich doch nicht auf — Ihr Sohn ist ja tobt!" fügte er in sich erschauernd hinzu, und schwan-?enden Schrittes verließ er das Zimmer. Bella hatte während der ganzen Zeit seines heutigen Besuches den Blick nicht von ihm gewandt; sie hatte ihn kämpfen, hatte ihn ringen gesehen und hatte bereits Alles durchschaut. In heftigster Erregung, thränendcn Auges blickte sie ihm nach, als er wie gebrochen aus dem Zimmer wankte. Plötzlich richtete sie sich auf, fuhr sich mit der Hand über die durch Thräncn verdunkelten Augen und eilte lautlosen Schrittes ihm nach. Sie fand ihn noch im Korridor au das Treppengcländer gelehnt, als versagte ihm die Kraft, die Stiegen hinunter zu schreiten. — Sie trat ganz nahe au ihn hinan, ohne daß er sie gewahrte. Noch einen Augenblick zögerte sie, dann redete sic ihn entschlossen an. ״Herr Doktor!" Er fuhr zusammen und blickte dann fragend zu ihr hinüber. ״Sie wünschen?" murmelte er endlich. Abermals zögerte sie, dann aber fuhr, sie rascher fort: ״Die Tante ist noch schwach, sehr, schwach — die Erinnerung an ihren Sohn erregt sic noch immer zu sehr. — Hätte sie in Ruhe Ihre Frage in Ucbcrlegung gezogen — so hätte sie Ihnen ruhig geantwortet, daß, wenn sie hören würde, daß ihr Sohn, der, wie Sic ganz richtig bemerkten, nicht viel Jüdisches gelernt haben kann — daß derselbe, durch ein Wunder gerettet, noch jetzt leben-würde, und den Sabbath entweihen würde — so würde sie ihn ausfordern, von nun au als ernst frommer Jude zu leben. — Und wenn er dieser ׳.Aufforderung .entsprechen würde, . so könnte cS keine glücklichere Mutter geben als sie.". Der Doktor richtete sich hastig auf, dann ergriff er beide Hände des jungen Mädchens und drückte sie innig; zu reden vermochte er nicht, aber sie fühlte einen heißen Tropfen auf ihre Hand herniederfallen. Endlich fragte er leise: ״Gilt auch in der jüdischen Religion der Grundsatz, daß Neue Alles sühnt?" . ״Neue allein? — daö glaube ich nicht. Aber Rückkehr sühnt Alles, das weiß ich gewiß." ״Dank!" Noch einmal drückte er ihre Hand, dann eilte er raschen Schrittes die Stiegen hinunter. Seine Haltung war wieder leicht und elastisch wie gewöhnlich. Bella blickte ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war, dann begab sie sich zurück in das Krankenzimmer. An dem Luftzug gewahrte die Blinde das Oeffnen der Thür. ״Bist Du da, Bcle? — wo bist Du gewesen?" - ״Ich wollte sehen, ob der Doktor noch da ist, er hat Dir heute wieder die Salbe nicht verschrieben und ich glaube, Du hattest wieder Schmerzen." ״Ach, das ist ja nicht der Rede werh. — Sage mir lieber, was dem Doktor ist, der ist ja ganz verändert. — Meinst Du nicht doch, daß er beleidigt ist?" ״Ich glaube nicht," erwiderte das junge Mädchen, ״dazu ist er zu vernünftig." ״Ich wollte, Du hättest Recht," entgegncte die Blinde- G Die Stammgäste der jüdischen Restauration waren nicht wenig überrascht, als zur Mittagszeit ein allen zwar wohlbekannter, doch in diesen Räumen noch nie gesehener Gast daö Mittagönrahl hier cinnahm. Von allen Seiten war er angcstaunt, was er jedoch nicht zu bemerken schien, er aß ziemlich rasch und cntfe-rnte sich bald. Nun erst ward die allgemeine Verwunderung laut, doch gab cs gcscheidte Leute unter den Gasten, die sehr bald die Vermuthuug anfstettkeu, Doktor Kohu habe höchst wahrscheinlich einen gefährlichen Patienten in der Nähe, von dem er sich nicht aus lange ent« fernen könne, weshalb er seine gewöhnliche Restauration heute nicht ausgesucht habe. Diese Vermuthuug erschien allen als richtigste Erklärung dcS seltsamen Ereignisses. # Am Abend desselben Tages befand sich Doktor Kohn bei seiner Braut. Flora war zwar sehr nngehalten gewesen, daß ersich wieder während voller sicbcnnndvicrzig Stunden nicht bei ihr hatte sehen lassen; allmählig war eS ihm jedoch gelungen, sie zu versöhnen. — Schwerer ward ihm diesesbei ihrer Mutter. Frau Lewison behauptete, er vernachlässige ihre Tochter in unerhörter Weise, nicht einmal sein Beruf könne eine derartige Vernachlässigung rechtfertigen. ״Wenn cS während - des Brautstandes schon so geht, wie wird cS erst im Ehestände gehen?" fragte sie seufzend. - ' (Fortsetzung folgt.); v /' ■