Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Article
- Deutschland : aus Bayern [Nachricht]
- Date
- 1887-02-17
- Page
- 107 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932763--24281-2934242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
107 Auch hier in Negensburg haben sich zwei, ein Schuhmachcr und ein Goldarbciter, ctablirf. In Straubing, Passan, Landshnt, Cham, Amberg können Leute, die obige Eigenschaften haben und streng soliden Charakters und im Besitze non etwas Vermögen sind, nach Lage der bayerischen Gesetzgebung ungehindert sich ansicdcln. In Straubing wohnen etwa 5, in Passan 3 oder 4, in LandShut 2, in Cham (Obcrpfalz) 8 jüdischeFamilien und ebenso viele in Amberg. u. Bingpreppach, im Februar. Die hiesige von dem seinem DistriktcnnvcrgcßiichcnNabbincrAbraham Hirsch *?זי begründete Talmud Thora-Schule hat ihren elften Rechenschaftsbericht pro 1885, 80 eben veröffentlicht. Das Werk des Stifters wird von dessen! Nachfolger im Nabbiuate und in der Leitung der Anstalt, Herrn DistriktSrabbiuer D1\ Deutsch, im Geiste des Verblichenen fortgesetzt. DaS Lehrerkollegium besteht außer ihm aus den Herren Reumann, Plaut, Hirschmann und Wechsler. Die Seitens des königlichen Kommissars, Herrn RcgicrungSrath Lermann, vorgenommcne Inspektion hat den befriedigenden Stand der Anstalt konstatirt. Dieselbe zählt 60 Schüler in vier Abthcilungcn und Pflegt den vollständigen Unterricht einer höheren Bürgerschule neben dem Hebräischen, in welchem cs bis zu derjenigen Kenntniß gebracht wird, die man von jedem jüdischen gebildeten Mann verlangen und beanspruchen kann: Heilige Schrift, Rasch!, Schulchan-Arnch, Mischnajoth und Einführung in die Gcmara. An Jahresbeiträgen, Spenden re. nahn! die Anstalt 8044.60 M., an Zinsen 400 an einem Miethbcträgnis; 100 Jk ein. Außerdem erhielt sie einen Zuschuß seitens des Staats von 100 Ji Sie vcrauSgabtc au Lchrergehalt 4222,50 J(:., au Unterstützung armer Zöglinge 1230 M. Das Vermögen beziffert sich auf 12642,59 0IL Möge sic in ihrer gesegneten Wirksamkeit in iminer weiteren Kreise Gönner und Freunde erwerben, um in der Lage zu sein, dieselbe in erhöhtcrcm Umfange zu entfalten. .*1* Aus Mittelfrankcn, 14. Februar. Der Pflicht, nach bester Ucberzcugnng auch an der Wahlurne dem Vatcrlandc treu zu sein, wird sich gciviß kein deutscher Bürger jüdischen Bekenntnisses entziehen. Gleich den anderen chrcnwerthcn Mitbürgern wird auch er also sich entscheiden, wie er -cs nach gewissenhafter Prüfung verantworten kann. Dagegen wird sich jeder israelitische Wähler auf das Allcrentschiedcnste vcrwahren, daß man ihm als Bekenner der mosaischen Religion die Zugehörigkeit zu einer besondcrn politischen Partei zur Pflicht machen will. Von welcher Seite auch immer eine derartige Zumnthung gestellt wird, sie verdient die gleiche entschiedene Zurückweisung. So wie cs überzengungStreue Christen in allen politischen Fraktionen geben kann, ebenso kann cS auch in diesen Allen überzengungStreue Juden geben. Schreiber dieses rechnet sich seit Jahren zu der nationalliberaten Partei, wenn er anch in richtiger Selbsterkenntniß niemals den Versuch gemacht hat, innerhalb derselben irgend eine markante Slellnng cinzunchmen. Trotzdem legt er entschieden gegen diejenigen Stellen in dem Aufruf der nationalliberaten Partei des Bezirks Nürnbcrg-Altdorf, in welchem die Juden als solche zur Wahl der nationalliberaten Kandidaten/veranlaßt werden sollen, Protest ein. Diese Stellen lauten folgendermaßen: ״Mitbürger mosaischen Glaubens! Ihr gehört der überwiegenden Mehrheit nach der dentschfreisinnigen Partei an. Ihr habt Euch in derselben zu einer tonangebcudcn Nolle aufgeschwungen. 8hr seid Halt und Stütze dieser negativ zersetzenden Partei. Ihr seid mitverantwortlich für die gehässige unversöhnliche Opposition, die sic deutschen Negierungen macht. Der Klassenhaß, der in anderen Gauen des deutsches Reiches Euch der Verfolgung anssetzte, hat bei dem gesunden Sinn unserer hiesigen Bevölkerung erfreulicher Weise keine Nahrung gefnuden. Ihr gehört aber einer Partei an, die vorn Hassen lebt und den Klasscnhaß predigt. Die Stichblättcr des ״Fränkischen Courier" sind unsere Fabrikanten und Landwirthe, die unter dem Spitznamen ״Schlotbarone" und ״Agrarmucker" nlS die Ninunersatten hingcstellt werden, die sich anö deutscher Haut Riemen schneiden. Ihr wißt aus eigener Erfahrung, wie wehe der Haß thnt und welche Folgen ans geschürten! Haß entstehen. Ihr duldet, daß mit Spott, Hohn und Cynismuö sondergleichen dem deutschen Volke seine Ideale hcrnntcrgerissen werden, und zu den Idealen der Deutschen gehört nach dem Kaiser anch sein Kanzler. Keine Klasse der Bevölkerung hat durch die Reichs- Verfassung und Gesetzgebung so viel gewonnen wie Ihr. DaS Vaterland hat Euch alle Rechte seiner Staatsbürger eingeränmt, und ein wahrhaft human denkender und liberaler Mann wird nie dazu die Hand bieten, daß dem anders werde. Aber Dankbarkeit verlangt daS Vaterland von Euch und Anhänglichkeit au seinen Herrscher und dessen Negierung. Der ״Fränkische Courier" hat am 8. Dczciubcr 1684 gesagt: Sehr viele israelitische Geschäftsleute hätten nach eigenem Geständnis; sich den Sozialdemokraten genähert und ihnen ihre Stimme gegeben,!veil sie einem WachSthnm der antisemitischen Bewegung in der Arbcitcrbcoölkcrung entgcgcnwirken wollten. Der sogenannte So;ialdc!nokrat Singer sei ebenfalls von dieser Idee aus unter die Sozialisten gckomrnen. Es sei kurzsichtig und thöricht, nm mögliches Nebel zu bekämpfen, einem sicheren Verderben vorzuarbeiten. ״Oder glauben diese vorsichtigen Israeliten," sagt das Blatt, ״daß, wenn die soziale Revolution, der sic jetzt in die Hände arbeiten, zum Durchbruch kommt, dieselbe aus Dankbarkeit vor׳ den Geldschräuken Halt macht?" Wir sagen Euch: