Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1887-02-17
- Page
- 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932763--24274-2934241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
106 hier durchaus ausgeschlossen. Da aber die Kreuzzcktuug eine sehr einflußreiche Partei vertritt, so sind alle ihre in der ״Jndensrage" abgegebenen Erklärungen, wenn auch vor der Hand ״materiell belanglos", doch von hervorragender ״symptomatischer Bedeutung." Wenn sie einem so hervorragenden Mann wie Herrn Oberbürgermeister Miguel einen ״intensiven Haß gegen die christlichen Grundlagen nnscrcSStaatSlcbenS" impntirt, so habe ich keine Veranlassung die Berechtigung dieser cigenthnmlichen Anklage gegen das angesehene Ober- Haupt einer bedeutenden deutschen Stadt, gegen einen Mann, der von bcitt Kaiser in den StaatSralh berufen ist und den das preußische Volk wiederholt für die Leitung der preußischen Monarchie bestimmt glaubte, zu prüfen. Wenn aber in nicht minder eigcuthümlchcr Weise und auf den! Wege einer ganz absonderlichen Logik die Kreuzzeitung ans einer Bemerkung der ״Münch. Allg.Ztg.", die meines Wissens nicht von einem Redakteur mosaischen Bekenntnisses rcdigirt wird, folgern will, daß der ״christliche Staat" den Juden ein Aergerniß und deshalb die bekannte kaiserliche Botschaft vom l7. Nov. 8 נS1 ״bedenklich und beleidigend" sei, so muß gegen eine solche Uutcrstellnng jüdischer ScitS ganz energisch Verwahrung eingelegt werden. ES ist eil! alter abgenutzter, leider aber immer noch nicht seine Wirkung verfehlender judenseindlicher Kniff, die Israeliten zu Feinden dcö Reiches und Kaisers stempeln zu wollen. Ich kenne die Vaterlandsliebe und die KönigStrene der Krcuzzeitnng nicht, wohl aber weiß ich, daß cS um Kaiser und Reich wohlbestcllt ist, wenn alle Bürger und Untcrthanen so loyale, getreue und opferbereite Patrioten wie die Juden sind. Wenn der Kaiser die von ihn! als eine der Grundsäuten des neuen deutschen Reichs proklainirtc Glcichstcllnng aller Konfessionen mit dem ״Praktischen Ehristenthnnl", — in seinem erhabenen Sinne, nicht in dem engherzigen minder hoher Naturen — sehr wohl vcrciubarlich erachtet, dann würden wir glauben, unS einer Ehrfurchtverlctzung schuldig $11 machen, wollten wir diese beiden kaiserlichen Kundgebungen durch nufere eigensüchtige, kleinliche Deutung hcrabwürdigcn. Sic haben, geehrter -Herr Redakteur, zu wiederholten Malen unwiderlegbar nachgewicseu, daß alles das, was man in den! edlen Sinne, ״praktisches Ehristenthum" nennt, im Judcnthnm, der Grundlage dcö EhristeuthumS, wurzelt; und daß alles Edle, Wahre, Humane, Gottwohlgefällige, welches in einem christlichen Staate angestrebt- und gefördert werden kann, gerade in den! Jndenthum und den! frommen Sinne der jüdischen Bürger treue Mitsördcrung finde. Wenn cs der Kreuzzcituug darum zu thun ist, in Wahrheit ״klassische Zeugen" für die jüdische Gesinnung in Dcnschland ausfindig zu machen, so führe sic ihren Lesern die Kundgedungen in den wirklich jüdischen Zeitungen vor die Augen, welche ausnahmslos jeden Zweifel an die Vaterlandsliebe und Kaisertreue der Inden als eine dem jüdischen Namen auaethane Schmach in edler Entrüstung zurückweisen. -0- Leipzig, Februar. Es dürste vielleicht nicht ganz ohue Interesse sein, aus dem ״Dichtcrportrait Gustav Freytag", welches die Gottschall'jche Revue ״Unsere Zeit" in ihrem zweiten Hcst des diesjährigen Jahrganges ans der Feder des Herrn Ernst Ziel bringt, die folgende Bemerkung über die jüdischen Gestallen in Freitags ״Soll und Haben" hcrvorzuhebcn. Es heißt darüber: ״Allein in ihrer offenbar tendcnziöscn Verwendung als Kehrseite der Medaille, in ihrer absichtsvoll isolirtcn Hinstcttnng als Träger der schlimmen Seiten deö KaufmannSstandcS machen sie einen verletzenden Eindruck. Der Dichter hat sie ohne Zweifel als Vertreter des gcsammtcn jüdischen Stammes ausspielen wollen, und das läuft ans eine einseitige Parteinähme gegen das Jndeuthn'.n hinaus, die der sonstigen Objektivität der Freytag'jchcn Muse, schlecht zu Gesicht steht und bei allen Schattenseiten (?) des jüdischen Charakters doch sehr weit von der Wahrheit entfernt bleibt. Ich will hier nicht sprechen von der ehrenvollen Stellung des JudenthumS im modernen Kulturstaatc, von der regen Anthcilnahme der Inden an Kunst und Wissenschaft deö Jahrhunderts wie am öffentlichen Leben Deutschlands — ich will mir einfach auf beit Mangel an Humanität Hinweisen, der sich in diesem summarischen VerdammungSnrtheil über eine ganze Nasse kundgiebt. -11- Leipzig, Februar. Ich erfahre, daß Herr Professor Delitzsch dem famosen Lichten stein, der als Rabbiner in dem ungarischen Orte Tapio-Szcle fungirt und nebenbei MissionSschristcn zur Bekehrung der Juden zur Taufe verfaßt, eine begeisterte Zuschrift zugcscndct und ihm seine hebräische Ucbcrsctzung dcö Neuen Testaments zum Angebinde gemacht hat. In dem Schreiben soll Delitzsch sich zu der Anschauung bekennen, die er auch dem glaubensstarken Joses Nabbinowitsch in Kischinew gegenüber, welcher nach einander chassidäischer Jude, christlicher Jude, jüdischer Protestant, Griechisch-Katholischer und neuerdings gar Anglikaner (?) gewesen, bethätigt hat. Er will nämlich den jüdischen Konvertiten gestatten, das alttestamcntarische Gesetz inklusive Bcschneidnng (?), Sabbath- und Spciscgcsetze für sich zu konservircn. * 2kns Bayern. Die zu Ncgensburg crscheinende ״Laubhütte" schreibt in Betreff der Niederlassuug fremder Israeliten: Leute die unbescholten sind und sich ernähren können und die im Besitze ihrer LegitimationSpapicre sind, dürfen sich in Bayern nngestört niedcrlassen. In München haben sich vcrschiedene ans Berlin auSgewiesene Inden niedergelassen.