Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1887-02-10
- Page
- 92 (sequence 2)
- Language
- German
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aus. Pattai wendete sich um und fragte: ״Haben Sie mich gemeint?" Und als Wrabetz dies bejahte, rief Pattai in Amvescnhcit zahlreicher Abgeordneten, die eben den Saal verließen, ihm zu: ״Sie sind ein so gemeiner und niederträchtiger Mensch, daß ich mid) beschmutzen würde, wenn ich mich mit Ihnen abgeben wollte." — ..Dafür werden Sie mir Rechenschaft zu geben haben!" rcplizirte Wrabetz, und sich au die zunächststehcnden Abgeordneten vr. M en g er und Sw o b o d a wendend, sagte er: ״Die Herren werden mir dabei Zcugcnschaft leisten " — Abgeordneter Ficgl, (ebenfalls Antisemit) der in der Nähe war, kam herbei und bot sich gleichfalls als Zeuge an: Man rief ihm aber zu: ״Aus ihre Zcugcnschaft verzichten wir!" — Daraus bemerkte Herr Ficgl lächelnd: ״Es war ja nur eine höfliche Anfrage." — Inzwischen hatten sich, da durch diese Szene die Passage beengt war, zahlreiche Abgeordnete augesammclt, und Abgeordneter Kraus rief im Vornbergehen den Streitenden zu: ״Schämt euch doch, cs sind ja auch Czed)en und Polen da!" — In diesem Momente wendete sich Abgeordneter Ficgl um und beantwortete die Mahnung zur Nahe in kann! wicdcrgebbaren Ausdrücken. Die brutale Szene hatte großen Unwillen hcrvorgernfen, weil AehnlicheS^im Parlamente sich bisher nicht abgespielt hatte, und die in letzter Zeit vielfad) gesteigerte ״scharfe Tonart" im Hanse durch diese Redeweise weit übertrumpft wurde. Der Skandal wird, wie wir hören, noch ein Nachspiel vor dem Gcrid)te haben. Abgeordneter Wrabetz hat bereits den Gemcindcrath vr. Vogler beauftragt, die EhrenbclcidigungS-Klage wider den Abgeordneten Pattai zu überreichen. 0. Wien, 7. Februar. In der Samstagssitzung deS Reichstags trat auch der Abgeordnete I)r. Plener dem Antisemiten Türk entgegen. Er nannte cS ein trauriges Zeichen, daß sold)e Reden überhaupt jetzt möglich sind. Die traurige Thatsache aber, daß sie bei einem Theilc deS Volkes auf Zustimmung rechnen können, zeige, wie tief der ganze ösfentlid)e Geist im Sinken begriffen sei. Er fuhr dann fort: Wenn solche Redner als populäre Wortführer eines gewissen Kreises in der Oejfentlichkeit erscheinen, sollte jeder ruhige Politiker, wenn er and) hie 11nt> da zu einer Art Heiterkeit augeregt wird, eher mit Ernst und Besorgnis; seheil, wohin nuscr öffentliches Leben geht, wenn nichts als Klasscnhaß, Verdächtigung und feindselige Verbitterung eines ThcileS der Bevölkerung gegen den andern als der eigentliche Beruf eines Volksvertreters verstanden wird, und wenn in einem Momente, wo von einer Partei versucht wird, bona fide einen Vorschlag zu machen, der, soweit cö unter den komplizirten Verhältnissen der heutigen ohnehin mit großen Gegensätzen erfüllten bürgerlichen Gesellschaft möglich ist, eine Harmonie, ein gutes׳ Zusammenleben. der einzelnen BcvölkcrnngSklassen hcrbeiznführcn bestrebt ist — die Antwort darauf nichts ist, als. feindselige Angriffe gegen einzelne Klassen der Gesellschaft. . G. Wien. Der ״Deutsche Klub" hat in der Antiscmitcnfrage nad) lebhafter Debatte mit Majorität folgenden Beschluß gefaßt: Es steht icbciji Mitglicdc des ״Deutschen Klub" frei, die im Abgeordnetenhause cinznbringcn'oe antijcmitisd)c Petition zu unterzeichnen und zu unterstützen. 8. Prag, 6. Februar. Die seit beut Jahre 1564 bestehende BcetdignngSlnüdcrschast, bei der noch heute die volle Geltung der von der gelehrten Welt deS vorgenannten Jahrhunderts als ״ ארי ‘שבתורהder Löwe a» Thorakenntniß", in beit späteren rabbinischhalachischen Schriften als מהר״ל מפראג und im Munde deS Volkes als ״der hohe Rabbi Löw" rühmlichst. bckannten Prager Oberrabbiner herrühreiide, vortreffliche und nach dem Ausspruche deS נודע ביודא den Prinzipicn des JudenthnmS vollkommen cntsprcd)cndcStatuten bewahrt wird, veranstaltete, wie alljährlid), and) Heuer, am Nüsttage des Monates שבט eine gegen ihren unvergeßlichen Mitbegründer Rabbi Löw ז״ל ihre vollste Dankbarkeit und aufrichtigste Verehrung anSsprcd)endc Gedächtnißfeicr. Um 3 Uhr Nachmittags hielt Herr vr. A. Kisck, Ovabbiucr der hiesigen Meisclsynagogc, im prachvdll crlcud)teten VcrcinSiokale in Anwesenheit des ehrsamen Vorstandes der הברא קדישא und eines zahlreichen Auditoriums einen gei>treid)en und dem ernsten Momente recht angemessenen Vortrag, in welchem er nach altherbrachtem UsuS eine agadische Erläuterung deS Rabbi Löw ז״ל mit Nennung seines Namens einsd)altetc. Nad) dem Vorträge wurde in der altehrwürdigen Klaus-Synagoge הפלת טנהה und יו״ב קטן in weihevoller Andacht verrichtet. Hierauf hielt daselbst Herr Oberrabbiner M. Hirsd) vor einer ungewöhnlich zahlreichen Versammlung eine formvollendete, Herz und Gemüth erhebende und meisterhaft gelungene דרשה, die bei den vielen Anwesenden einen nngetheilten Beifall und eine ernste Begeisterung hcrvorricf. In seiner lehrreichen Betrachtung bcsprad) er zunäd)st die heilige Pflicht der Ehrerbietung gegen die Tobten und das Alter derselben. Von unserem ersten Patriarchen Abraham hören wir, daß er sich förmlich von seinem theucrn Tobten aufraffte, um ihn auf die würdigste Weise zu bestatten. Josef hatte nach der Belehrung nuferer alten Weisen die Bahre, in welcher die sterblichen Reste seines allen Vaters ruhten, mit einer KöuigSkrone geschmückt. Und so finden wir die Bethätignng dieser Ehrerbietung in alle» Phasen dcö. jüdischen Volkes, so daß diese uralte Pflicht zur Kardinaltugend deS ׳ jüdischen Volkes geworden. Sodann erörterte er mit! treffenden und wohl durchdachte» Worten, worauf sich