Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-02-10
- Page
- 88 (sequence 2)
- Language
- German
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Im Ernst, Isidor, Dein Benehmen verletzt mich, Du vernachlässigst mich allzu sehr." ״Aber ich bitte Dich umS Himmclswitlen, Flora, daö kann doch nicht Dein Ernst sein. Du weißt, daß ich kein größeres Glück kenne, als bei Dir zu sein, aber der Arzt ist nicht Herr seiner Zeit." ״So sprichst Du immer, aber Du könntest Dir schon Zeit machen, wenn Du nur wolltest. Aber Du willst nicht, das ist's. Doch so arg wie in den letzten vierzehn Tagen Haft Du es noch nie getrieben — hast Du denn jetzt gar so viel mehr zu thun?" ״Ich hatte sehr schwere Patienten." ״Ich habe davon gehört — die russische Bettlerin." ״Flora!" rief er erregt, indem dunkle Glnth sein sonst mehr bleiches Antlitz überzog. ״Nun, nun, nun, was habe ich denn gesagt?" ״Du weißt, ich bin ein Russe." ״Freilich weiß ich das. Daö war ja mit ein Grund, weshalb Mama unsere Verbindung nicht zugeben wollte. Mama hat immer gesagt: grattez le Russe et vous trouverez le Tartare.. Soll ich's versuchen, Isidor?" Er zuckte die Achseln. ״Verzeih', aber ich kann im Augenblick auf Deinen Scherz nicht eingehen." | ״Wegen der —" ״Sprich das häßliche Wort nicht noch einmal aus! — ich kann's nicht hören. — Jene Kranke steht mir sehr nahe." ״Wirklich?" rief das junge Mädchen mit dein Ausdruck unmuthlgen Staunens, ״sie ist eine Verwandte von Dir?" Er neigte bejahend daö Haupt. ״Sie ist —" Seine Erregung übermannte ihn, er brachte das Wort nicht über seine Lippen. Er erhob sich und durchmaß einige Mal hastigen Schrittes das Zimmer, dann blieb er vor den! jungen Mädchen stehen, das ihn mit unverholener Unruhe beobachtete. Die Verwandtschaft einer russischen Bettlerin war ihr nichts weniger als genehm. — Nun, der Papa konnte ihr Geld geben, unter der Bedingung, daß sie ihre Verwandtschaft mit seinem Schwiegersöhne nicht geltend mache. Das war ein gescheidtcr Einfall, Flora athmcte erleichtert auf. Der Doktor hatte die Hand dcS jungen Mädchens ergriffen und druckte sie. ״Flora", flüsterte er innig, ״noch weiß eö kein Mensch — Du, Geliebte, sollst es zuerst erfahren — daß ich — daß ich — meine Mutter gefunden habe." - - ׳ ״Deine Mutter!" rief Flora, ״ist'S möglich? — jene —"׳ ״ - - .Jene Kranke ist meine Mutter," sprach er mit leiser, bebender Stimme. ״Ich habe sie nicht sogleich erkannt denn — o, sie hat sich sehr verändert!" ״Und sie hat Dich sogleich erkannt?" Er schüttelte den Kopf. ״Sie ist blind — und überdies — sie hat mich seit Jahren als tobt bewein..׳ ״Sie hat Dich als tobt beweint? — Gott, wie interessant!" rief Flora, ״aber warum hast Du ihr denn nicht geschrieben, daß Du lebst?" ״Ich erzähle Dir das ein anderes Mal, äugenblicklich bin ich cö nicht im Stande." Flora wiegte noch immer staunend ihr hübsches Köpfchen. ״Gewiß mußt Du mir daö erzählen, und zwar ganz ausführlich — das muß ja sehr interessant sein. — Was hat Deine Mutter gesagt, als Du Dich ihr vorgestetlt hast?" . ״Sie hat noch keine Ahnung, daß ihr Sohn lebt." ״Wie? vierzehn Tage lang behandelst Du sie und hast Dich ihr noch nicht zu erkennen gegeben! —Wie konntest Du so lange schweigen?" ״Meine Mutter war sehr schwer krank — wie oft habe ich das Aergste gefürchtet! — Aber jetzt ist mit Gottes Hülfe die Gefahr vorüber. Bei geeigneter Pflege und vollständiger Ruhe darf ich hoffen, sie in einigen Wochen hcrgcstellt zu sehen — dann erst darf ich cs wagen, mich ihr als Sohn vorzustcllcn." ״Versprich mir, Isidor, daß ich dabei sein darf, wenn Du Dich Deiner Mutter zu erkennen geben wirst." ״Das will ich Dir gern versprechen. Doch, wie gesagt, wir nrüsscn noch einige Wochen warten." ״Schade, Schade — ich hätte cS schon jetzt gern gesehen — denn interessant muß das sein, wenn Deine Mutter Dich tobt geglaubt und Du Dich ihr mit einem Mal lebend vorstellst. — Mich wundert aber doch, daß sie Dich nicht an Deiner Stiinme erkannt hat. Ich würde Dich mit geschlossenen Angen unter Tausenden sofort erkennen. —. Wie lange haltest Du Deine Mutter nicht gesehen?" ״Seit mehr als sechszchn Jahren." ״Seit scchszehn Jahren nicht! — Da ist cs freilich nicht zu verwundern, daß sie Dich nicht an der Stimme erkannt hat. In so langer Zeit kann sich Deine Stimme auch verändert haben." ״Und dennoch glaube ich, daß meine Mutter meine Stimme erkannt hat. Zuweilen, wenn ich zu ihr spreche, dann lauscht sie mit einem ganz eigenthümlichcn Ansdruck ans meine Worte. Und wenn sie weiß, daß ich anwesend bin, ohne daß ich gerade spreche, dann ersucht sie mich, ich möchte sprechen, gleichviel was, sie fühle sich immer wohlcr, wenn sie meine Stimme höre." . ... (Fortsetzung folgt)./