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Jeschurun · 1887-02-03 · Heft 5 (3.2.1887) · p. 77

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 5 (3.2.1887)
Article
Rußland : Petersburg [Nachricht]
Date
1887-02-03
Page
77 (sequence 2)
Language
German
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Rubel. Daö DiSagio deS Papiergeldes hat bereits die enorme Höhe von 45 Prozent erreicht. Man braucht aber gar kein Finanzmann zu sein, um cinzusehcn, daß ein Staat, welcher bei Zusammenfassung seiner ganzen Stcucrkraft cö nur auf eine Einnahme von rund 793 Millionen bringen kann, aber rund 85 Millionen mehr verausgaben muß, also um mehr als 10 Prozrnt seine Stcucrfähigkeit alljährlich zu überschreiten gezwungen ist — denn daö Extraordinarum wird in der einen oder anderen Gestalt auf die Dauer vorhanden sei!: — dem wirthschaftlichcn Ruin unrettbar entgegencitt ES dürfte aber vielleicht in Europa nicht noch einmal einen Staat geben, welcher über so reiche noch ungehobcnc Schatze verfügt wie Rußland. Wurde dieser schlummernde Neichthum zum Leben geweckt, so würde bei einer rationellen Staats - Finanzwirthschaft nicht nur das Defizit verschwinden und die Valuta intakt sein, sondern cS müßten sich erhebliche Ueberschüsse ergeben. ES giebt in Rußland große LandcSthcile, welche von der.Natur thcilwcise verschwenderisch auSgestattct, einen ungeahnten Produktcnreichthum liefern'könnten, wenn nur die Hände vorhanden wären, welche denselben zu entfesseln vcrmöchten, wenn nur der geschäftliche Unternehmungsgeist ztl finden wäre, welcher ihn in die Kanäle des Welt- Verkehrs hiuübcrlcitcte. Glücklicherweise sind aber diese Hände ebenfalls vorhanden und dieser geschäftliche Unternehmungsgeist nicht minder. Rußland zählt unter seiner Bevölkerung eine nach Millionen zählende Klasse geschäftskundiger, rühriger und intelligenter Menschen, welche allen Defizits ein Ende bereiten könnten. Diese Klasse der Bevölkerung sind die Juden, welchen eine unweise Politik aber leider gerade die weiten Strecken verschließt, auf welchen sic-zum Heile des nationalen Wohlstandes und zum Segen dcö bedenklichen Finanzstandcs eine gesegnete Thätigkeit entfalt eit könnten. Kurzum, das Problem, an welchem sich die Finanz- Weisheit vergeblich abmüht, kann mit einem Schlage glücklich gelöst werden. Die Lösung heißt: Freizügigkeit und ErwerbSsreiheit der Inden. ES scheint, als ob einem Staate wie Rußland die Vorsehung ein besonderes Gnadengeschenk in seiner zahlreichen jüdischen Bevölkerung Zufuhren wollte, als ob aber die Menschen in kurzsichtiger Einsicht solches nicht zu würdigen verstehen. Die Freiheit der Inden ist daö Mittel zur Erlösung von der sinanziettcN Misere. 2. Petersburg, 24. Januar. In Doluimur, wo bereits früher Judcnhetzcn stattgcfundcn, wäre bald wieder eine solche in Szene gesetzt worden, und zwar zur WcihnachtSmessc. Die Sache wurde jedoch zeitig ruchbar, und so gelang cs noch der Behörde, den geplanten Exzessen vorzubengen. f Grodrro, Januar. Der Nvthstand drängt immer zahlreichere Schaareu zur Auswanderung nach Amerika. Handel und Wandel liegt darnieder, deS Hungers blasses Schreckensantlitz treibt zur Verzweiflung. Zn den in den allgemeinen Verhältnissen begründeten Ursachen gesellen sich noch die besonderen, weil wir Inden sind. Der den Inden angewiesene Rayon der westlichen Gouvernements zwängt eine zu große Be-׳ völkcrnng aufeinander. Würde ihr die freie Bewegung gestattet sein, würde sie nicht auf dieses große Ghetto allein sich angewiesen sehen, so könnten weite Strecken, die j'tzt öde liegen, zu einer Wohnstätte arbcit sanier, intelligenter Menschen werden, zum Segen für diese Gegenden, indem sic durch ihre Rührigkeit und Gewandtheit den Produkten dieser Gouvernements, die jetzt thcilweise fast wcrthtoS sind, ein gutcö Absatzgebiet verjchasfcn und den schlummernden natürlichen Neichthum zum Leben erwecken. Aber cS soll nicht sein. Die ״Hazcfirah" theilt in einer Korrespondenz von hier ein Gespräch mit, daö der Schreiber mit einem ausgebienten jüdischen Soldaten, welcher gleich vielen seiner Genossen nach Amerika auSwandert, geführt hat: ״Warum wollt ihr eurer Hcimath den Rücken kehren, eure Freund׳ und Verwandtschaft verlassen - und ein fremdes Land aufsuchen? Ihr habet ja dem Vnterlande treu gedient, keine Schuld treibt cud) von hinnen," so lautet die Frage. Und die Antwort: ״Als Jüngling trat ich in das Heer ein und!hat getreulich meine Schuldigkeit. Ich scheute keine Entbehrungen und Lasten, die der Dienst nur aufcrlegte. Ich hatte mir ein schönes Bild der Zukunft auSgcmalt. Wenn du deiner Pflicht Genüge geleistet und in Ehren deinen Abschied haben wirst, so dachte ich mir, dann werde ich mir eine bescheidene ruhige Existenz auf irgend einem Fleckchen deS weiten Reiches schassen können, sei cö im Innern des Landes, sei cS in dem fruchtbaren Kaukasus. Aber kaum hatte ich meinen Abschied, so schallte cü mir überall entgegen: Du bist ein Hebräer, du darfst hier nicht weilen; nur in dem von Inden nbcrsütltcn westlichen Distrikten ist dein Platz. So war ich, überall abgcwiesen, gezwungen mich hier niedcrznlasscn, wo ich kaum die nothdürsligste Nahrung unter schwerer Arbcit und Sorge fand, daß ich nicht verhungerte. Vielleicht winkt mir jenseits deS MccrcS das bescheidene Glück, dem ich hier vergebens nachjagc." Wird der arme Mann mit seinen. Hoffnungen nicht wiederum Schissbruch leiden? Gott sei mit den Unglücklichen, Verzweifelnden und führe sie in den ersehnten Hafen eines friedlichen Heim-, ׳baS sie vor den Uubillcn deS Lebens schützt! - H. Sitvmir, 26. Januar. Dieser Tage wurde hier eine schauderhafte That an einer jüdischen Familie begangen. Ein Nichljude kam zu einen! jüdischen Kom- Missionär, um sich durch ihn eine Stelle vermitteln zu lassen. Der Jude nahm denselben'in sein Haus bis zum vollbrachten Geschäfte auf. Nachts wurde er

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