Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1887)
- Article
- Deutschland : Frankfurt a. M. [Nachricht]
- Date
- 1887-01-20
- Page
- 43 (sequence 2)
- Language
- German
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Schülern Gelegenheit zu geben, zu zeigen, in wie weit ihr Berständniß für ein Dichtmverk gereist, ihr Allsfassungsvermögen gelautert, ihre ReproduktlonSkrast ge׳- steigert sei. Ein geladenes Publikum, bestehend auS dem Vorstände, den Freunden und Gönnern der Schule, den Eltern und den Angehörigen, den Lehrern, erfüllte die einfachen, schmucklosen, und dabei doch so schönen Räume der Turnhalle. Durch die Schule und in der Schule sollte allein die Vorführung ftaUfiubcn: dieser Gedanke war bei den Veranstaltern maßgebend gewesen, verbunden mit jenem, allen Prunk, alle Schaustcllnng zu vermeiden, Alles mit der Schule nicht zusammenhnngendc Vergnügen beiseite zu lassen und nur ans die möglichst korrekte, verständige, schöne und würdige Wiedergabe eines großen DichtcrwerkcS alten Fleiß zu verwenden. Und ein gewaltiges Ziel hatten sich die Schüler gestellt, die natürlich nur den obersten Klassen entnommen sein konnten, in denen man allein auf genügendes Vcrständmß rechnen kanndie Wallenstcin- Trilogie ward zur Anfjührnng gebracht in einer Bcarbcitung, welche die für die Schule unmögliche Dar-- stcllnng der Francnrollen ansschloß und doch den Gang der gcsamintcn Handlung im inneren Zusammenhänge, und nicht bloß in einzelnen, losgelösten Szenen vorführte. Die Borbereitnngcn dazu waren gewaltige gewesen, die dafür gegönnte Zeit kurz — circa drei Wochen — welche mir im letzten Augenblicke durch Verhältnisse des hiesigen StadtthcatcrS, das in dankenswcrthcstcr Weise Kostüme, Dekorationen und Negnisiten herlich, um wenige Tage verlängert wurde, so daß Channcka bereits verstrichen war. Aber wie mußten wir staunen über das Gebotene'. Den mächtigen Anfordcrnngcn war eine mächtige Begeisterung, ein vortrefflicher Wille, eine ausgezeichnete Disziplin entgegengekommen. Man sah cS jeder kleinsten Lcistnng an, daß der Darsteller sein Bestes zu bieten redlich bestrebt war, daß er mit Vcrstäudnitz den Gang der Gcsammthandlang erfaßt und sich ihr angepaßt hatte, gleich weit von vorlautem Vordrängeu wie von gleichgültigem Zurückstchcn entfernt; man hörte es ans jedem Wort, mit welcher Sorgfalt der Einzelne durch die Betonung und Sprache den Sinn klar und schön wicdcrzngebcn versuchte; man merkte auS den Bewegungen - bekanntlich dem bösen Prüfstein allcr Thcaterspiclcr — mit welcher Aufmerksamkeit man stndirt hatte, um sich natürlich und doch den Ansordcrnngcn des Kunst-' Werks gemäß zu geben; man erkannte ans der Präzision, mit der die schwierigsten szenischen Arrangements, bei denen an 30 und 40 Personen auf einer verhältnißmäßig kleinen Bühne vereinigt waren, zur Darstettung gelangten, anS der Sicherheit, mit der cm Jeder erschien und ging, welche vortreffliche Disziplin die Schüler bewahrt hatten, wie eifrig sie den Intentionen des die Darstellung Leitenden gefolgt waren. Und das tnüssen wir offen als einen Gewinn der Schule bezeichnen: es ist gewiß nicht wenig werth, wenn Schüler im Durchschnittsalter von 16 Jahren auf diese Weise lernen, all ihr Können, all ihr Wissen, all ihren Willen in den Dienst einer gemeinsamen, großen Idee zu stellen, wenn sie geleitet werden von dem Bestreben, ein schönes, harmonisches Ganzes zu bieten, ganz gleich, welche Mühen und Opfer, welche Entsagung und vielleicht getauschte stille Hoffnung dem Einzelnen anfcrlcgt werden; wenn ihnen die Bestiedigung des ästhetischen Sinnes mehr werth geworden ist, als der Dienst der persönlichen Eitelkeit; wenn sie die Zucht und der Gehorsam, beeinflußt durch den freudigen Witten, so Zusammenhalt. Man möge über Schnlanfführungen denken wie man will; dieser Gewinn, der sichtbar aus jedem Moment der Darstellung cnkgegentrat, ist wahrlich nicht zu unterschätzen und wird den jugendlichen Darstellern vielleicht ebenso zu gute kommen, wie das durch die saure Schularbeit erreichte positive Wissen. Hat doch die Schule nicht die Pflicht allein, den Verstand hcranznbildcn, sondern auch das Gefühl für das Schöne zu wecken, ideale Begeisterung zu Pflegen, gehört zu ihren — vielleicht edelsten Aufgaben. (Schluß folgt). * Schlocharr (Wcstpr.), 13. Januar. Gestern Nacht ist in die hiesige Synagoge ciugebrochen worden. Der Dieb hat von außen ein Fenster eingedrückt, ist hineiugcsticgen und hat mittelst eines Schraubenschlüssels den Opferkasten erbrochen und das darin enthaltene Geld (!0 bis 12 M.) entwendet. Den Schraubenschlüssel fand man am Thatorte vor. (N. W. M.) Oesterreich-Ungarn. 6. Wien, 17. Jan. In dersogenannlen ״Grinzinger Affäre" einer, von Antisemiten in einer Weinschänke verübten Mißhandlung, in welcher der bekannte Antisemitenhäuptling Dr. Pattai als Vertheidiger seiner angeklagten Gesinnungsgenossen und vr. Elbogen für die Mißhandelten auftraten, fand vorgestern die Schluß- Verhandlung statt. AnS derselben ist das Plaidoyer deö 1)!׳. Elbogen sehr charakteristisch. Dasselbe kennzeichnet das Wesen des deutsch-österreichischen AntisemitismnS sehr treffend wie folgt: ״Die tiefgehende Entrüstung, welche nach dem Vekauntwerden dcS diesem Prozesse zu Grunde liegenden Vorganges in der gesammtcn Wiener Bevölkerung herrschte, drängte nnwillkürlich die Frage ans, die von der öffentlichen Meinung richtig ersaßt und gelöst ward, die Frage nämlich, warum gerade diesem Geschehnisse eine über den Charakter eines gewöhnlichen WirthShaus-Exzesses weit hinauSrcichendc Bedeutung zugcsprochen wurde. Man brauchte Zusammengehöriges nur zu verbinden,