Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1887)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1887-01-20
- Page
- 41 (sequence 1)
- Language
- German
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41 Z§schrrrrm< ^§3. Korrcspolldcilztn nub Nachrichtelt. Deutschland. -a- Berlin, 17. Januar. Es wird von den Führern und Machern der antisenlitischcn Hetze so oft recht nachdrücklich mit der biedermännischsten Miene von der Wett versichert, daß cS eine pure Verleumdung sei, sie der Aufreizung gegen die Inden zu zeihen. Sicherlich und zur Bekräftigung dieser unzweifelhaft wahren Behauptung — wer dürfte zweifeln, wenn so ehrenhafte und fromme Männer etwas versichern? — sprach Herr Hofprediger Stöcker am 14. d. M. in der ״FreitagSversanunlung" der Christlich-Sozialen die folgenden Liebe, Wahrheil und Frieden athmendcn herrlichen Worte: ״Was ich nicht begreifen kann, ist, daß man den Leuten, meist Juden, die in den großen Städten sitzen und daran arbeiten, daß cö dem Volk schlecht geht, daß eS die Freude am Weid), am Dasein verliert — denn wo cs dem Volke sd)lecht geht, geht es den Inden gut. Daß man sich das von oben so gefallen läßt und nie etwas dagegen sagt, das begreife ich nid)t. Wir Christlid)-Sozialen kriegen ja manchmal Schläge, die Inden niemals." Nachdem einem so frommen Munde eine so liebevolle Rede entflossen ist, muß natürlich die boshafte Lästerzunge verstummen, die den hod)ansehnlichcn Herren antisemitischen Führern den Vorwurf des Hetzen- und der Verbreitung von Feindschaft und Mißgunst zu machen sid) erkühnte. -a- Berlin, 19. Januar. Vorgestern Abend fand auf dem ״Bock" eine große Antisemitcnversammlung statt, d. h. der Antisemiten par cxccllcnco, ״der Antisemiten strengster Ordnung", wie sie genannt werden, welchen der Jude, glcid)viel ob ungetanst oder getauft, als das Objekt der patriotischsten Bekämpfung gilt. Aus der Rede des Herrn Liebermann von Sonncuberg mögen folgende Sätze als das Kennzeid)en dieser strammen Judenfeinde dienen. Cr bedauerte, daß die Negierung nicht antisemitisch; vielmehr sogar mit jüdischem Blute durd)setzt sei, denn die Taufe mache für die Antisemiten gar keinen Uutersd)icd. Diese begnügen sich nicht mit Palliativmitkelu. Sic wollen die bürgerliche und staatliche Gleichberechtigung der Juden beseitigt wissen. Der antisemitische Standpunkt Stöckers sei, nicht der ihrige. Sie hoffen vielmehr von einem neuen Reichstage die Erledigung der Jndcnfrage in ihrem Sinne. So lange diese nicht erfolgt sei, lagere auf allen sozialen und staatlichen Verhältnissen ein lähmender Bann. — Die Versammlung beschloß darauf, unentwegt zum Antisemitismus strengster Observauz zu stehen und in diesem Sinne auch selbstständig bei den bevorstehenden Wahlen vorzngehen. — Man sicht, wie bei den antisemitischen Flügeln gegen die Juden fortgesetzt agitirt werden soll. Ob Stöcker oder Liebcrmanu von Sonncuberg die Gcmnther deherrscht, ist für uns gleichbedeutend. Weh uns, wenn Negierung und Volk auf sold)cm Rath hören sollte! M. Leipzig, 12. Januar, lieber eine hier soeben vollzogene Stiftung berichtet Herr Dr. Karl W h istling folgendermaßen: Es gereicht dem Referenten zur Gcnngthünng, von einer unserer Stadt zngeweudeten sehr bedeutungSvollen, weil offenbar zur Lösung einer hochwid)tigen volkswirthschaftlichen und sozialen Frage, so Gott will bahnbrechend, beitragenden großartigen Stiftung berichten zu können, von der Hacndler-Stiftung. Diese Stiftung, deren Kapitalbetrag 100 000,.,/£ ist, erstrebt zweierlei humanitäre Zwecke, einen allgemeineren ohne Rücksicht auf das religiöse Vckenntniß, sodann einen besonderen, auSschließlid) israelitische Glaubensgenossen ins Auge fassenden. Für den erstcren Zweck sind ein Viertel der Zinsen des unangreifbaren Kapitals mit folgender näherer Bestimmung, für den anderen drei Bicrtheile auSgeworfen. ״Um gleichzeitig durch diese Stiftung and) für die Ausbildung der weiblichen Jugend ohne Rücksicht auf deren Konfession zu nützlicher ErwerbSthätigkeit einzntrcten, bestimme ich (der Spender der hunderttausend Mark), daß der vierte Theil von den Zinsen des StiftnngSkapitalS dem zu Leipzig bestehenden ״Verein für Familien- und VolkSerzichnng" für dessen Zwecke gewahrt werden soll. ES geschieht dies in Würdigung der großen Verdienste dieses Vereins für die Erziehung und praktisd)e Ausbildung junger Mädchen zu guten Lebensstellungen und zu brauchbaren Kräften der Gefellsdjast im Lehrfache, wie in der Familie. ES geschieht dies ferner in der Voraussetzung, daß dieser Verein seine Wirksamkeit in dem bisherigen Geiste sortsetzt und niemals konfessionelle Schranken für seine Mitglieder und Zoglingc errid)tet." Der Stifter fügt hier die ernste Mahnung bei: ״Wenn diese meine Voraussetzungen nid)t mehr zutresfen sollten, so kann durch Entschließung der StistungS- Verwaltung diese Subvention zurückgezogen werden." ׳ Wahrlich, eine schönere und werthvollcre Anerkcnnnng kann der in Rede stehende Verein, welcher jetzt 16 Jahre besteht — er ist 1871 gegründet—, mehrere - Volks-Kindergärten ins Leben gerufen, die BildungSanstatt für Kindergärtnerinnen errichtet und das Lyceum für Damen, sowie die Modellirschnle für Damen geschaffen hat, kaum sich wünschen. Möge diese Stiftung andere ähnliche für ihn im Gefolge haben, das ist unser eigenes HerzenSvotum für die gute Sache.