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Jeschurun · 1887-01-13 · Heft 2 (13.1.1887) · p. 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 2 (13.1.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-01-13
Page
24 (sequence 2)
Language
German
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Wohlgefällig betrachtete der Kaiser die kräftigen Glieder des kühnen Jünglings, der festen Fußes auf dem schmalen Geländer stand und hernieder blickte auf die schäumende Fluth. ״Nur keine Tollkühnheit, Iwan Aronowitsch," ermahnte der Ezar. Ob Iwan Aronowitsch diese väterlichen Worte hörte? — Wiederum bebten seine Lippen, er schien einige Worte zn flüstern, richtete sich noch strammer auf, breitete die Arme aus und war in dem nächsten Moment in den hoch aufspritzendcn Wellen verschwunden. Eine lebhafte Bewegung entstand am Bord, ein Gemurmel, wie cS in Gegenwart des Herrschers noch nicht laut geworden. Alles blickte in gespannter Er- Wartung in die Tiefe, den jugendlichen Schwimmkünstlcr wieder austauchen zn sehen. Doch Minute um Minute verging, ׳schäumend rauschten sic einher, die mächtigen Wogen und brachen sich an den Flanken der kaiserlichen Jacht, den Jüngling brachte keine wieder. ״Herr des Himmels!" rief der Kaiser, von banger Ahnung ersaßt, ״den! wackern Knaben scheint ein Unglück zugestoßen zu sein." ״Beruhigen sich Majestät," cntgcgnete beschwichtigcnd der Kapitän. ״Iwan Aronowitsch ist nicht nur der beste Schwimmer an Bord, er ist überhaupt der beste Schwimmer, den ich je gesehen. Ich wette, der Ucbermnthige hält sich unter dem Borsprung dcö Schiffes versteckt und lacht der Besorgniß, die hier am Bord seinetwegen herrscht." Der Kaiser zog die Herrschcrstirn in Falten dcö UnmuthS. ״Sie sollten eö nicht dulden, solch srcvelhasteS Treiben, Kapitän. DaS Leben Ihrer Untergcbcnen ist Ihnen anvertrautcö Gilt, Sie dürfen nicht gestatten, cs nutzlos aufö Spiel zn setzen." Der Kapitän preßte die Lippen auf einander. ״Ich werde es nimmer wieder gestatten," murmelte er. ״Doch es ist undenkbar, daß dem Aronowitsch ein Unglück zngestoßen — daö Wasser ist sein Element." Dennoch neigte er sich über die Brustwehr und ries laut den Namen dcö Vermißten. Fürst T .... w that dasselbe, und selbst der Kaiser rief mit Stcntorstinrme den Namen des Jünglings, für den er sich lebhaft intcrcssirte. Doch all ihr Rufen war vergebens. ״Ihn! ist ein Unglück geschehen!" rief der Kaiser in heftigster Erregung ״rasch die Boote ins Wasser, und durchforscht mit den Ruderstangcn den Meeresgrund!" Der Befehl ward vollzogen, die Tüchtigsten der Mannschaft sprangen in die Boote und durchforschten die Tiefe nach allen Richtungen — umsonst. Mit geisterbleichcm Angesicht blickte der Herrscher aller Reußen aus das vergebliche Bemühen der Schiffs- Mannschaft. ״Er ist verloren!" inurmelte er, ״derloren! — lgroßcr Gott! was war daö?" Da stand sein Adjutant Fürst T .... w plötzlich an seiner Seite. Daö Antlitz des Fürsten war nicht minder bleich als das seines Gebieters; er trat' noch näher an diesen heran und flüsterte mit bebenden Lippen: ״Ein Selbstmord war ׳cS, Majestät, — ein Selbstmord." Der Kaiser blickte ihn betroffen an. ״Ein Selbstmord?" wiederholte er schaudernd. ״Unmöglich, T.... w undenkbar! — Ein Selbstmord, unmittelbar nachdem ich ihn meiner Gnade versichert, ihm die herrlichste Zukunft in Aussicht gestellt? — Undenkbar, T.... w, undenkbar!" ״Und dennoch, Majestät, halte ich mich überzeugt, daß hier ein Selbstmord vorliegt. Ich sah den, Knaben erbleichen, als Majestät mich beauftragten, dafür zn sorgen, daß er die Taufe empfange — er hat den Tod dem Glaubcnswechscl vorgezogen." Der Kaiser wandte sich hastig ab, in seinem Angesichte zuckte eS. ״Entsetzlich!" nu'.rmelte er, ״entsctzlich!" Erst nach längerer Pause wandte er sich seinem Adjutanten wieder zu. ״Wenn Sie Recht hätten —" sprach er halblaut, und wie in sich erschauernd, ״eS wäre entsetzlich! — Doch ob Sie Recht haben, das werden wir nimmer erfahren — den wackern Knaben haben die Wellen verschlungen. — Ich wünsche jedoch nicht," fuhr er nach kurzen! Schweigen fort, ״daß Ihre übrigens durch nichts bestätigte Bermuthuug laut werde. Der Brave ist verunglückt, er kann den Dank, den ich ihm schulde, uicht empfangen, so mögen seine Eltern denselben erben. — Wollen Sie sich, lieber T . . . . w, nach der Familie deö Verunglückten erkundigen, und, sobald wir hcimkommen, derselben den ihr gebührenden Dank übermitteln." ES war an einem Freitag gegen Abend. In den! ärmlichen, doch überaus säubern Stübchen deö Vorsängers der israelitischen Gemeinde zn E ..,. hatte die Hausfrau soeben die Sabbathlichter angezündct' an der siebcnzackigcn messingenen Sabbathlampc, die heute wie echtes Gold erglänzte. Ans dem mit weißem Linnen bedeckten Tische tagen bereits zwei schön geflochtene, längliche Weißbrode, mit schwarzen Mohnkörnern sorglich bcflrcnt, daneben erglänzte in einer grünlichen Flasche der selbstberc'ttcte Rosiuenwein. . (Fortsetzung folgt.) .

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