Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1887)
- Article
- Nochmals Prediger-Verirrungen [Rezension]
- Date
- 1887-01-13
- Page
- 19 (sequence 2)
- Language
- German
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19 lcgungen und Umdeutungen greisen? Diesen Predigtcu . gegenüber waren deshalb meine Ausstellungen ganz gewiß auch nach meines Herrn Gegner Meinung am Platze. Ich will aber nicht in Abrede nehmen, daß nach mcincr Anschauung unsere Prediger sich überhaupt einer solchen Behandlung des Bibrltextcö enthalten sollten. Befinden sie sich denn nicht auf der Kanzel einem Auditorium gegenüber, das des Bibelworts keineswegs so kundig ist, um zu wissen, daß die von dein Predigcr beliebte Umdcutnug und Auslegung gar keinen Anspruch auf Nichtigkeit erheben will und kann? Wenn die ״Maggidim" ehedem, oder vielleicht auch jetzt noch in den östlichen Ländern in ähnlicher Weise verfahren, so ist doch damit für den Nachweis einer Berechtigung gar nichts dargcthan. Ja, man könnte vielleicht sogar sagen, daß, was den Maggidim srcisteht, den Inhabern der modernen Kanzel nicht zuaebilligt werden kann. Dem Publikum der Maggidim dürste viel eher die Erkenntnis; zugcstandcu werden, daß solche Umdcutungcn nicht der wirkliche Sinn deö Tcxteö sind. Was aber den Midrasch und die Agada deö Talniud betrifft, so dürfte zunächst darauf hinzuwciscn sein, daß diese eben keine Predigten sind, sondern vielmehr von den Maggidim und Predigern gebraucht und nrißbraucht werden. UcbrigcuS glaube ich, daß ein ernstes Studium des Midrasch von dem Gesichtspunkte auSgehen sollte, daß hier in der That nicht eine willkürliche Entstellung deö TexlworteS, sondern vielmehr ein tiejercS, innigeres Vcrständniß desselben und seiner weitern Bedeutung vorliegt. Gewiß ist cS oft schwer, den Gcdankengang deS Midrasch zu ergründen, wie nach meinem Ermessen überhaupt das Studium der Agada in vielfacher Hinsicht schwieriger als das Studium der Halacha ist, und man lieber die eigene Unzulänglichkeit für dessen Erfassen sich cingestchen sollte, als ihm Gewalt anzuthun oder sein obcrslächlichcs Perstäudniß als richtig anzucrkenncn. Mag nran nun aber auch diese Ansicht nicht thcilen wollen, so sollten doch die Prediger jedenfalls den Ausspruch deS רשב״א, welcher, im עין יעקב ' gerade zu der von meinem Herrn Gegner augesührlen Stelle 78 בבא בתו־א mitgelhcilt wird, beherzigen: שבונת הנמים ז״ל בדרשות כאלת להסבימם אל הפסוקים בלשונות שלא תשבה זברוגם ולא שדרתה כונתם כלל לפרש הפסוק בן. Nach der Ansicht deS רשב״א würden in solchen von dem augenscheinlichen Sinne deS Testes offenbar abweichenden Anssprüchen lediglich nur mnemonische Andeutungen vorlicgcn, und man dürste kc'iiicöwcgS berechtigt sein, dieselben als Textcrklürnngcn aufznfasscn. Wohin diese Verirrungen führen, beweist das mir vorliegende Schreiben in eklatanter Weise. Dasselbe macht geltend, daß die von Herrn KarpeleS zur Belchrnng der Jugend über den Inhalt der Wochenabschnilte beliebte Benutzung der Verse וטמא טמא יקרא und וכזבי בת נשיא מדין schon sehr alt sei und dem jüdischen VolkSwitze entstammt. Ja der letzte VcrS findet sich in einen: Gedichte in VcnscwS תלמוד לשון עברי in diesem Sinne cmgcwcndct. Also Witze und eine ganz gelegentliche Anwendung eines dem wirklichen Sinne auf HimmelSferncn entgegengesetzten Deutung sollen die Verrenkungen und Entstellungen deS heiligen Textes sanktionircn und dem Prediger gestatten, solche zur Belehrung deö Volkes als wirkliche Erklärung deS Bibclwortcö an heiliger Stelle zu verkünden?! Nein und abermals nein. Nicht zu einem geistreichen oder witzigen Spiel ist die Predigt in die Synagoge cingeführt, sondern zur ernsten Belehrung des Volkes über den Inhalt des GoltesworteS und zur Mahnung, demselben in That und Gesinnung zu entsprechen. Der Midrasch ist eine Fundgrube der tiefinnigsten Erläuterungen der heiligen Schrift. Man versenke sich mit Ernst in den Geist desselben, prosanire aber ihn nicht durch gedankenlose Benutzung. Das ist meine bescheidene Mcinung, und deshalb muß ich das von mir kürzlich Bemerkte volliuhaltlich aufrecht halten. Oder ruis AM'iilikil. Melbourne, Nosch Chodcsch Kistew 5047. AuS Australien, dem Lande der Kuriositäten — dem Laude, wo, wie mau früher faselte, cö Bäume gicbt, die nicht die Blätter, wohl aber die Rinde wcchseln, und Vögel, die keine Federn, wohl aber Haare haben, wo!nan weiße Adler 1111b schwarze Schwäne in Fülle antrisst — anö diesem Lande dürfte Ihnen und Ihren Lesern wohl einige Nachrichten nicht nninteressant sein. Den Anlaß dazu bietet ein freudiges Ercigniß, das sich während deö letzten Monatö in Sydney zutrng. Dort wurde vor'ungesähr 1.4 Tagen einer unserer Glaubensgenossen, Herr Julian Salomons, Q. C. zum Präsidenten des Obcrgcrichts (Ehicf Jnstice) ernannt. Dieser Herr ist ein sehr tüchtiger Advokat und hat sich, namentlich als Verthcidiger in schwierigen Kriminalfällen, große Berühmtheit erworben. Seinem Scharfsinn, seiner Beredsamkeit und itmfaffenbeit Gesetzkenntniß zollte inan im ganzen Lande die höchste Anerkennnng, und als die Stelle dcS ObergerichtSpräsidenten vakant ward, wurde ihm dieselbe unter allgemeinem