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Jeschurun · 1887-01-06 · Heft 1 (6.1.1887) · p. 12

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 1 (6.1.1887)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1887-01-06
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Angfl>ac>1heit die Gewissensfreiheit der deutschen Burger jüdischen Glaubens zu wahren." 6. Verkitt, 2. Januar. Das ״Bcrl. Tagebl." schreibt über die antisemitische Strategie folgender-! maßen: Mit der antisemitischen Agitation scheint cö! sehr zu hapern, sonst würde Herr Liebermaun v. Son-! nenberg in seiner ״Antisem. Korresp." nicht gar so verzweisclle Vorschläge zur Hebung der edlen Sache machen. Cr empfiehlt, einen ״deutschen Fechtbund zur Wiedereroberung deö Vaterlandes״ zu gründen mit Titeln, wie Knappe, Landsknecht, Ritter, Komtur, ja Großineistcr. ״Ordensschwestern mit entsprechender Rangordnung müßten ebenfalls mitfechten dürfen." Ein anderer Vorschlag des Herrn Liebermaun geht dahin, ״eine Sammelbüchse in Form des goldenen Kalbes, welches ihm auf die Zunge gelegte Geldstücke verschlingt", zu konstruircn. Alle antisemitischen Skatspieler im Reich müßten einmal im Monat zum Vesten der antisemitischen Vereinigung spielen. Vor Allen: aber dürfe das gesammelte Geld nicht wieder ansgegeben werden. Alle Gesinnungsgenossen müßten cs beherzigen, ״daß auf Jahre hinaus keine Gcldfordcrungen irgend welcher Art an die Zentralstelle gerichtet werden dürfen." Der .Hauptvorschlag der Herrn Liebermann v. Sonncnberg geht dahin, ״aller Orten im Vaterlande Aergcrnißkommissionen" zu bilden, ״deren Mitglieder täglich planmäßig die jüdischen Zeitungen daraufhin lesen, ob darin Vergehungen gegen den § 166 des Strafgesetzbuches enthalten sind." Dieser Paragraph bedroht die Erregung von öffentlichem Acrgerniß durch Beschimpfung von Einrichtungen oder Gebräuchen der christlichen Kirche. Die betreffenden KvmnüfsionS- Mitglieder müßten eS sich. nun zur Aufgabe machen, stets ״mit gutem Gewissen bezeugen zu können, daß der betreffende Zeitungsartikel bei ihnen Anstoß und Acrgerniß erregt hat." Daraufhin sei dann eine Denunziation bei dem Staatsanwalt einzurcichen. Dcnunziation als Haupt-Agitationsmittcl des Antisemitismus; So ist's recht. — Hiesige Blätter melden, daß die israelitischen Gemeinden zu Salzmcdcl und Stendal höheren Orts angewiesen sind, ihre.KultnSbcamten zu entlassen, da diese Ausländer sind. C. Berlm, 3. Januar. Die ״Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung" bringt ein kurzes Referat über die neueste Schrift Wahrmunds: ״Das Gesetz des NomadenthumS und die heutige Judcnherrfchaft." Da daS Buch im ״Jeschurun" eine so geistreiche und veruichtcnde Kritik erfahren, in welcher an der Hand des GedankcngangcS desselben dem Verfasser der Mangel au dem für die Behandlung eines wissenschaftlichen ProblemeS zum mindesten Erforderlichen — an Logik nachgewiesen wird, so glauben wir, daß eS für die ' Leser des ״Jeschurun" nicht uninteressant ist, von der Kritik Kenntniß zu nehmen, welche von FrenndeSseite dem Werke gewidmet wird. Auf einen Kommentar glauben wir verzichten zu dürfen, denselben kann sich der aufmerksame Leser der im ״Jeschurun" erschienenen Besprechung selbst machen. ״Der durch seine frühere Schrift ״Babylonierthnm, Indenthum und Christenthnm" als Antisemit pur sang bekannte Gelehrte bringt hier eine neue Gabe seiner volkSpsychologischcn Studien in derselben Richtung. ES ist eine außerordentlich geistreiche, mit voller Sachkunde geschriebene Ab Handlang, die wir vor uns haben und Juden wie Christen zur Durchforschung empfehlen. Wir gehen mit dem Orientalisten in der Veurthcilrmg der israelitischen Religion gänzlich auseinander; ihm ist daS Alte Testament der bloße Niederschlag des semitischen Nomaden- und Räubercharakters, uns eine wirkliche GottcS- Offenbarung, die dem von MoseS wie von den Pro׳ phctcn wahrlich nicht schöngcsürbten Volk der Juden aus dem Gnadenrathschluß GottcS zu Thcil geworden ist. Natürlich wirft eine solche Auffassung ihre Schatten in die gesammte Anschauung über Israels Bedeutung für die Völkergcschichte und verursacht vielfach irrige Konsequenzen. Aber im Ucbrigen muß der Versuch, das Wesen der* Juden als Nomadcnthum bis auf den heutigen Tag und seine Arbeit als Nazziantenihum — Razzia ist ein semitisches Wort — auf allen Gebieten hiuzustellen, als gelungen gelten. Der Vergleich mit Arabern und Punicrn läßt treffende Schlaglichter auf den besonderen Charakter der Juden fallen. DaS Gesetz der Wüste ist das Unstete, die Arbeit der Meisten bcruht im Umherzichcn, Raub und Krieg; unter diesem Gesetz steht daS Judenvolk auch jetzt. Idealität ist dabei unmöglich, ebenso eine selbständige Kultur, Indnstric, Geistesarbeit, Staatcnbildnng, GcsellschaftSorganisation. Der Jude steht als Nazziant, als AuSbcutcr all diesen Gebieten gegenüber; die Hülfe dagegen liegt allein in der partiellen Entfernung der Fremdlingc von unserem Boden und in der rechten Behändlung der Zurückblcibcndcn. Ob ein solches Programm je durchführbar werden kann'? Niemand vermag daS vorauszusehen. Aber klar ist, daß hier den Juden ein Urtheil und eine Anschauungsweise gcgenübertrctcii, wogegen die christliche Bekämpfung dcS JndcnthumS ihnen als die reine Liebe erscheinen muß. Werden sie daraus lernen? DaS ist zu wünschen, aber kaum zu hoffen. Der Geldbcsitz macht sie verblendet, und die mangelnde Selbstcrkenntniß läßt sic auf der schiefen Ebene wciterrollen, bis eS zu spät ist. Aber merkwürdig ist es, wie sich gegenwärtig in der ganzen Welt die Gewitterwolken über dem Jndcnthum zusammenballcu und sich entladen. Die Judenfrage ist längst eine internationale geworden, bei den Juden eine Frage der Machtbehauptung, bei den Völkern eine

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