Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-01-06
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Sit, daß nur das Leben meiner Unterthanen so wenig gilt, daß ich eS um die Wiedererlangung des für mich allerdings unschätzbaren Ringes aufs Spiel scheu möchte?" ״ES isl ein wandelbar schöner Stein." ,.Freilich, freilich — aber der Werth dcS Steines allein macht noch nicht den Werth dcS Ringes aus. Dieser ist ein Erbstück unserer Familie. Ezar Peter der Große schenkte ihn als Liebesgabe seiner nach׳ maligen Gemahlin Katharina, und als dann später nach der Schlacht bei Pultawa der Czar in Gesahr war, in türkische Gefangenschaft zu gcrathen, wußte seine Gcliebte durch Aufopferung all ihres Schmuckes den Großvezicr zu bcftcd)cu und den Ezar zu befreien. So kam dieser Ring in türkische Hände. Doch als die Czarewna nach bem Tode ihres Gemahls als Selbstherrscherin auf den Thron gelangte, ließ sie den Ring durch einen ihrer Ergebenen von bem Vezier znrücktauscn, und seitdem.erbt er sich fort von Ezar zu Czar und zwar als eine Art voit Talisman, wenigstens geht die Sage, daß, wer ihn trägt, unverwundbar ist. Thatsuche ist, daß noch Keiner verletzt worden ist, während der betreffende Ring an seinem Finger sich befunden." .,Hoffentlich wird das Kleinod doch noch wieder ans Tageslicht kommen. Als Talisman freilich bcdürfen Majestät seiner nicht. Die dankbare Liebe Ihrer llntcrthanen ist ein genügend sicheres Schutzmittel." Ein trübes Lächeln umspielte die. Lippen des Kaisers. ״Die dankbare Liebe meiner Unterthanen. — Gott ist mein Zeuge, daß ich mit allen mir zu G,- bäte stehenden Kräften daö Heil meiner Völker zu fördern strebe — aber ihren Dank — ihre Liebe —" er schüttelte schinerzlich seufzend. das Haupt. ״Weiß ich doch nicht einmal," fuhr er sinnend fort, ״ob ich berechtigt bin. Dank und Liebe zu erwarten — erinnern Sie sich des Prozesses, dessen ich vorhin erwähnte?" ״Gerade der Verlaus jenes Prozesses fügt ein neues .Blatt, zu dem NnhmeSkrmiz Euer Majestät," siel T .. .. w lebhaft ein. ״Ihre Unierthancn dürfen ruhig -schlummern unter dem Szepter des gerechtesten, humansten .... ״Was ist dort für ein Auflauf?" fragte der. Czar, indem .er mit der Hand gegen das entgegengesetzte Cnde.des Bords beutele, wo die Mannschast um den Schisss.kapitäu und einige Offiziere sich drängte. .״Ich eile, mich zu inforuicrcu," erwiderte der Adjutant, indem er raschen Schrittes von ormtten-eilte.. Doch schon nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück, nochrascher, als er sich entfernt. ״Hcuräka!" ries er׳ jubelnd, .indem er einen glänzenden Gegenstand hoch empor hielt. ״Was haben Sie gefunden?" rief der Czar. erstaunt, ״meinen Ring?" ״Es ist der Ning Euer Majestät,", entgegnete T.. .. w, ״doch nicht ich habe ihn gefunden. Einer der Mannschaft sah auf dem Boden des Bootes, das Euer Majestät heute Morgen zum Dampfer gebracht, den Brillanten funkeln und übergab ihn dem Kapitän." . ״Ich will den wackcrn Burschen reich belohnen." sprach der Kaiser, indem er den Ning wieder an den Finger steckte und mit sichtlichem Behagen das prächtige Farbcnspicl der sich brechenden Sonnenstrahlen an dem kunstvoll gcschlifsenem Steine betrachtete. ״Wollen Sie ihn mir hcrrnfen, lieber T.... w, er hat mir eine große Freude bereitet, ich möchte ihn! vor Allen» meinen Dank aussprechen." Der Adjutant eilte, den» Befehle des Herrschers zu entsprechen, und nach wenigen Minuten trat der Kapitän in Begleitung eines hochgewachsencn jungen ManncS, beide sich er furchtsvoll verneigend, vor den Kaiser. ״Majestät geruhten zu befehlen." ״Daö also ist der glückliche Finder meines NingcS," sprach der Kaiser, den Jüngling wohlwollend bclrachtcnd, ״ich nenne Dich einen glücklichen Finder, dem» es ist Dir gelungen, Deinen Kaiser zu verpflichten." Die Glnlh in dem ausdrucksvollen Angesicht des jungen ManncS stieg, sein dunkles Auge lenchtelc. ״Wie heißest Du?" fragte der Kaiser. ״Iwan Aronowitsch," lautete die schüchterne Antwort. ' ״Iwan Aronowitsch war von jeher ein »vackcrcr Knabe," sprach der Kapitän in ehrerbietig gedämpflern Tone. ״Daö kann ich mir denken," versetzte der Monarch, ״sonst hätte er schwerlich den kostbaren Ning sofort znrückerstattet. Oder, hatte er vielleicht keine Ahnung von dem Werth desselben? — Wie ist'S, Iwan Aroriowitsch, »mißtest Du, daß Du den Ning für mehr als tausend Rubel hättest verlausen können?" ״Für »vie viel ich ihn hätte verkaufen können, das »vnßte ich nicht," lautete die schüchterne aber doch sreimüthigc Antwort, ״aber ich »mißte, daß der Ning einen hohen Werth hat, denn ich erinnere mich, als Kind bei meinem Vater einen ähnlichen, nur kleinern Stein gesehen z»» haben, von dem er zu sagen psicgte, daß wir von den» Erlös desselben ein volles Jahr hätten leben können." (Fortsetzung folgt.) . ׳