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Menorah · 1932-11-01 · Heft 11-12 (November 1932) · p. Seite 511

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 11-12 (November 1932)
Article
Frau mit Schere [Illustration]
Date
1932-11-01
Page
Seite 511 (sequence 1)
Language
German
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ERNST LISSAUER 511 Emil Kraus j Frau mit Schere Pustcllstift Zeichnung ERNST LISSAUER (Zum 50. Geburtstage) Der erste Gedichtband Ernst Lissauers hieß „Der Acker*'. Der Name könnte über dem gesamten Schaffen des Dichters stehen. „Schaffen", hat er, auf sein eigenes Werk zurückblickend, im Essayhand „Festlicher Werktag" bekannt, „ist das Umgraben seiner Selbst, wonach einer wächst und trägt tausendfältig". Und schon im „Acker" steht das kristallene Wort „festgewordene Erntezeit", mit dem er das Brot auf seinem Tische anspricht. Für diesen zweifachen Drang: aus den 'riefen des Erdreichs zu tausendfältigem Wachsen und aus dem Strome der Zeit in dauerndem Raum sucht Lissauer immer wieder nach neuer Gestaltung. Im Zeichen dieser Polarität steht sein ganzes Werk. So schreitet Lissauers Schaffen aus dem Bereich des Landschaftlichen aus „Acker" und „Strom" über „Den inwendigen Weg" in die Weltallweile der ,.Ewigen Pfingsten". Dieser religiösen Vorstellung ist als ihr Korrelat zugesellt die der Sammlung, in die sein vorläufig letztes lyrisches Erntebuch „Flammen und Winde" ausklingt. Denn Lissauers Gott, dein der Anruf seiner in biblischem Urgut tief verwurzelten Psalmen gill, ist ein Gott des Schweigens und der Langsamkeit. Der Schauplatz des Ringens um den Sieg des Geistes über das Chaos sind jedoch die vier Dramen. Das erste war „Yorck", das Drama des Dienenden. Ihm läl.it Lissauer den Eckcrmann" folgen, in dem das politische Problem, aller Staatsaktion entrückt, in den innersten Bezirk des Lebens gebannt ist. [hm folgt das Drama das „Weil) des .Tephta". Die unlösbare Verflochtenheit von Tat und Schuld, das Jasagcn zur Verdammung um der notwendigen Tat willen hat Lissauer im „Luther und Thomas Münzer4' /ai welthistorischer Dramatik und in seinem Mosesdrama „Der Weg des Gewaltigen" bis zur religiösen Transzendenz gesteigert. Hätte Ernst Lissauer nur dieses zwischen Zeit und Ewigkeit gespannte Drama von Moses, dem um der Reinheil des Gesetzes willen, das Gesetz brechenden Gesetzgeber geschaffen, stünde er in der ersten Reihe der Gestalter, die in der Gallith wahlverwandte Form für jüdische Werte geprägt haben. Aber was mehr wiegt: alle Merkmale jüdischer Religiosität — ihr bis zum Ringen mit Gott gesteigerter Aktivismus, ihre auf die Heiligung des Erdendaseins gerichtete Kraft, der Glaube, daß die Entscheidungen in unserem Innern auch den Gang des Weltgeschehens bestimmen — sind Lissauers Werk lief eingeprägt. Und gerade weil sich dieser Ausdruck jüdischen Geistes bei ihm völlig ungewollt kundgibt, weil Lissauer zur Gestaltung jüdischer Stoffe in jüdischem Geiste aus einem inneren Zwang seiner Persönlichkeit abseits der nationalen Renaissance gelangte, Lst seine Erscheinung Zeugnis für die unzerstörbare Schöpferkraft des jüdischen Genius. Franz Kotier.

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