Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Djerba
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 412 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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412 ME N ORAH Rote und weiße Leuchtfeuer, die als Wegweiser an den Ufern des Kanals -standen, warfen ihre unruhigen Sirahlen auf das schwarze Wasser. Und zwischen den Wolkenfetzen kam immer wieder der Mond hervor. Sehr fern, weit von uns ab, hellte sich der Horizont auf: von diesem Augenblick an schwammen wir auf einem Silbersee. Die Nacht war schwül, eine jener erstickenden Nachte Afrikas, in denen der Schlaf uns flieht, Geist wie Körper durch jene feuchte Hitze erschlaffen, die den tunesischen September charakterisiert, und die um so stärker vorn Himmel herabfließt, als die Sonne am Horizont verschwindet. Ein Araber aus dem Süden stimmte eines jener endlosen, nasalen Lieder an. Sobald er eine Strophe gesungen hatte, wurde sie von seinen Landsleuten, die im Kreis um ihn herumsaßen, im Chor wiederholt. Schließlich ermüdeten die Sänger unter dem aufdringlichen Rhythmus der seltsamen Melodie, und streckten sicli der Länge nach an der Brüstung aus. Die letzte Zigarette verglomm, jemand hustete noch einmal, und dann lag tiefer Schlaf über ihnen allen . . . Nur ein kleines Mädchen, das sich neben seiner Mutter zusammengekauert hatte, blieb von einem heftigen, durch die Feuchtigkeit verschärften Hustenanfall geschüttelt, die ganze Nacht wach. Ich vermochte auf den harten Schilfsplanken nicht zu schlafen und ging voller Ungeduld nach dem Ziel meiner Reise immer wieder auf und ab. Zu unserer Rechten zeigte sich ein Licht und verschwand in regelmäßigen Abständen. Dieses Licht sandte der Leuchtturm von Thyna, am Strande des antiken Thene errichtet, einst römische Stadt, heute von Sandmassen begraben. Endlich graute der Morgen. Den ersten besten fragte ich nach unserem Standort. Wir sind in den Gewässern von Djerba, antwortete mir ein Italiener, der neben mir den Horizont absuchte. Aber man sieht nichts, erwiderte ich. Nur Geduld. Gleich wird die Sonne die dünne Nebelwand, die auf dem Wasser schwimmt, durchbrechen. Und tatsächlich hoben sich nach einiger Zeit in der Ferne die Umrisse einer flachen Insel ab, während die Leuchtfeuer allmählich verloschen. Die Passagiere drängten nach vorne und hielten Ausschau nach der Küste, deren Formen immer deutlicher hervortraten. Dann kam die Landung und die fieberhafte Erregung, die allen Besuchern orientalischer Häfen bekannt ist. In schmutzige Lumpen gehüllte Lastträger stürzten sich auf die Reisenden und rissen ihnen die Gepäckstücke aus den Händen. In einer eigentümlichen und wohl-