Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 335 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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BEGEGNUNG MIT JÜDISCHEN ZEITGENOSSEN 335 cier. Was beiden gemeinsam ist, ist die gedankliche Betontheit der Kunst, was beides wieder spezifisch jüdisch ist. Ich bin Wassermann im März 1929 in Karlsruhe begegnet. Er kam von Wiesbaden und war nicht sonderlich des Lobes voll. Er halte dort vorgelesen, aber wohl kein besonderes Publikum gel'imden. In Karlsruhe sprach er über das Problem unserer Generation im Anschluß an seinen Roman Etzel Andergast. Es war schon sehr charakteristisch für Wassermanns intellektuelle Betontheit, daß er über einen Roman sprach, der erst im Werden war, daß er nicht ein Fragment daraus vorlas, sondern die werdende Handlung erläuterte. leb fürchte, Karlsruhe hat ihm nicht besser gefallen als Wiesbaden. Er hat ja nicht nur verwandtschaftliche Fäden dahin laufen, sondern auch künstlerische durch den Kaspar Hauser-Roman und durch den Fall Mauritius. Es ist möglich, daß ihm die Karlsruher diese Dinge nicht vergessen haben. Allerdings ging nicht viel Wärme von ihm aus. Man fühlte, daß er das Publikum nicht liebte. Wahrscheinlich liebt er überhaupt kein Publikum. Trotzdem wird er wohl mit Thomas Mann am meisten gelesen. Ich weiß nicht mehr, wovon wir sprachen. Sicher war es für beide Teile belanglos, sonst hätte ich es nicht vergessen. Daß er im übrigen aus seiner Zeit am ,,Simplicissimus" erzählte, habe ich an anderer Steile erwähnt. So ist er wohl gegangen, wie er gekommen ist: gleichgültig und unberührt. Warum ich das zu meinen Begegnungen zähle, wenn ich nichts weiler zu erzählen habe? Nun, es war auch ein Erlebnis: das Erlebnis eines der b e d e u t e n d sten Sc h r i f t s t e 11 e r, dessen Wort nicht vom Herzen, sondern vom Kopf kommt und das dalier nicht durch den ganzen Leib des Menschen geht. Jm übrigen soll damit gerade der Schriftsteller in Wassermann anerkannt werden. Die intellektuelle Hyperthrophie ist j ü d i s c h e s Blut s e r b e, gleichsam die Rabulistik der Talmudisten im modernen Gewände. In seiner Bekenntnis-Schrift: „Mein Weg als Deutscher und Jude4, setzt er das Deutsche vor das Jüdische. In Wahrheit ist Wassermann jüdischer als etwa Gundolf oder Ernst Gassircr. Es ist gleichgültig, ob er den Zionismus ablehnt oder anerkennt — er könnte ihm jedenfalls seinen Weg als Jude und als Deutscher weisen.