Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 324 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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324 MENORAH l^dartin Buher oder Der ^Mystiker als Realist In den Sommertagen des Jahres 1921 saß ich in Karlsruhe in einer Dachkammer und schrieb in der brütenden Hitze ein Buch, das ich mit dem Titel: DAS JUDENTUM IN DER MUSIK benannte. Zweifellos hat das tropische Dachklima erregend auf mein Gehirn gewirkt, denn dieses Buch gegen Wagner war eine einzige wilde Fanfare für die jüdische Musik. Was umso erstaunlicher war, als ich ohne Zweifel rein „arischer" Abstammung bin. Das Manuskript wanderte nach Berlin und von da aus in die Hände Max Brods und Martin Bubers. Während Brod sich begeistert dafür aussprach, lehnte es Buber mit Recht ab. Soviel erkannte Buber aber doch an Brods Begeisterung als richtig an, daß hier das jüdische Problem von einer entscheidenden Seite her angegriffen worden war. Er lud mich zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift DER JUDE ein, und bald reiste ich von Heidelberg aus nach Heppenheim, um seiner Einladung zu folgen. Heppenheim liegt an der Bergstraße zwischen Heidelberg und Darmstadt. Es war gerade Frühling, als ich 1922 hinfuhr, die Bäume standen in vollster Pracht. Als ich ausgestiegen war, kam mir von weitem ein schmaler, kleiner Mann entgegen, dessen charakteristischstes Zeichen der Bart war, der das Gesicht mystisch umrahmte. Sonst war allerdings nichts M y s l is c h e s zu bemerken. Die Kleidung war gepflegt europäisch und der Empfang wirkte alles andere als herzlich. Wir stiegen hinauf zu Bubers Haus und saßen uns bald gegenüber. Die Unterhaltung war interessant, aber herzlich wurde sie nicht. Da ich meine damals noch chaotischen Anschauungen hartnäckig verteidigte, sprang Buber plötzlich von seinem Sessel auf, ballte die Faust, lief gegen das Fenster und sagte: ,,Sie steigern Nietzsche und Weininger ins Absurde, das kann nicht anders als in Selbstauflösung endigen." Das war der entscheidende Eindruck, der mir immer geblieben ist. Jetzt begriff ich auch die Kühle, die nichts anderes als Abwehr des Chaos war, das aus mir sprach. Am Bahnhof begegnete ich wieder Bub er und seiner Frau. Obwohl er gewußt hatte, mit welchem Zug ich fahren wollte, hatte er mich nicht aufgefordert mitzufahren. Wir stiegen in ein genieinsames Kupee. Jetzt war es unvermeidlich, daß er mir seine Frau vorstellte, von der ich wußte, daß sie unter einem Pseudonym sehr feinsinnige Erzählungen schrieb.