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Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. Seite 422

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
An der Schwelle einer neuen Zeit
Date
1931-09-01
Page
Seite 422 (sequence 4)
Language
German
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422 MENORAH zerrten Leiwik aus dem Bett, banden ihn mit Stricken und führten ihn an den Schlitten, der draußen wartete, um ihn nach Bobruisk zu bringen. Es war eine in ihren Einzelheiten grausige Szene. Die Häscher hatten das Aussehen wilder Bestien, und Leiwik selbst wehrte sich wie ein Stück Vieh, das zur Schlachtbank geführt wurde. So gab es also eine gewisse Zahl von Juden — zum Teil in den aufgeklärteren, zum Teil in den ärmesten Klassen — die die Reformen Alexanders des Zweiten als Akte der Gerechtigkeit ansahen. War der Militärdienst einmal da. so sollte er auch von allen gleicherweise getragen werden: Schluß mit den privilegierten Klassen! Arme Optimisten! Sie hatten noch nicht begriffen, daß, obwohl es keine „privilegierten" Familien mehr geben durfte, der Einfluß des Geldes nicht aufgehoben war; daß die Reichen immer noch imstande sein würden, ihre Söhne vom Dienst loszukaufen. Und so kam es tatsächlich. Als der Krieg ausbrach, gingen aus Swislowitz wohl Juden ins Feld, aber es waren alles arme Juden. Und einer von ihnen war Leiwiks Bruder, Pessjes zweiter Sohn, der Ernährer der Familie. Die Juden betrachteten Alexander den Zweiten als einen Herrscher, der gerecht regierte — ganz besonders empfanden sie so nach Nikolaus dem Ersten, dessen bloßer Name jeden hatte erzittern lassen, und über dessen Grausamkeiten lebende Legenden in allen Teilen des Landes zu finden waren. Alexander der Zweite war nun Zar, der viele Millionen von der Leibeigenschaft befreit hatte. Und er war der Zar. der bemüht war, in die Regierung, die Gerichte und allerorten Reformen einzuführen. Er war der Zar, unter dessen Regierung selbst die verfolgten und bedrückten Juden leichter atmen konnten. Er war es. der die Verfügung getroffen hatte, daß die Schulen und Universitäten den Juden weit offen stünden, und er hatte es sogar möglich gemacht, daß ein Jude richtige Epauletten tragen durfte. Es soll nicht verschwiegen werden, daß — mit Ausnahme einiger aufgeklärter Juden ■— die Massen unseres Volkes die judenfreundlichen Maßnahmen Alexanders des Zweiten mit Beklemmung aufnahmen. Sie fürchteten instinktmäßig, daß ein Riß in ihr Leben kommen könnte, daß die Freiheit, die sie unter Alexander dem Zweiten gewannen, geeigneter wäre, ihre spezifische eigene Welt zu zerstören, als es die harten Erlasse seines Vaters Nikolaus gewesen waren. Ihr Verhalten zu Alexander, ihrem Zar, war jedoch ein durchaus loyales. Fast in jedem jüdischen Hause konnte man sein Bild an der Wand hängen sehen. Und wenn das offizielle Gebet für die kaiserliche Familie gesprochen wurde und der Name Alexander fiel, so lag in den Worten keine bittere Ironie, wie

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