Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 185 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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KRIEGS AUF ZEICHNUNGEN 185 ..Seder". Ein Hund kläfft auf mit jämmerlichem Geheul — und im Nu wird es finster in der Hütte. Ich klopfe an. „Kto tarn?" (Wer ist dort?) fragt zornig eine Baßstimme. „Guten Jontew! Öffnen Sie, es ist ein Jude!" sage ich. Einen Augenblick Stille. Ein Haken geht auf, ein Riegel knarrt und vor mir steht ein erschrockener Jude mit einem langen, zitternden Bart. „Kann ich Ihr Gast zu Pessach sein?" „Meinetwegen", erwidert der Jude etwas beruhigt. „Warum haben Sie denn das Licht ausgelöscht? Haben Sie so Angst vor den Österreichern?" „Gott bewahre!" entschuldigt sich der Jude und nimmt die {lammenden Lichter aus dem Ofen, wo sie in der Eile versteckt wurden. ..Vor den Österreichern haben wir keine Angst, aber Gefangene schleichen sich hier herum und treiben ihr Unwesen: sie essen einem alles weg und äschern dann alles ein." In der Stube ist es hell, die silbernen Leuchter, die die ganze Zeit über im Walde vergraben lagen, glänzen freudig auf dem weißgedeckten Tisch. Wir machen uns an den „Seder": der Hausherr, ich, die liebliche Hausfrau mit der Perücke am Kopfe, die schwarze, hübsche Tochter „Rosa-Rojse", in deren Zimmer ein Tolstoi-Bildnis hängt, die Lermontow auswendig kennt und auch „Jargonis" liest, wie die Litauer es aussprechen: dann ein zwanzigjähriger Bursche, eine Tochter mit ihrem Manne und zwei Kindern — Puppen! Die Feier ist etwas getrübt: ich erinnere mich an meine Heimat und meine Gastgeber an ihren verwundeten Sohn, der sich in österreichischer Gefangenschaft befindet, und anstatt über den „Auszug aus Ägypten" berichten sie über ihren Auszug aus dem Kriege". Sie hatten sich auf deutscher Seile lief Linden und sich zu den Österreichern durchgeschmuggelt. Wir sind schon bei den „Pflaumen mit Kartoffeln", die die ältere Schwester aus Pruzany brachte, als plötzlieh zwei Soldaten mit einem versiegelten Befehl hereinstürzen. Ich ölfne ihn: „Hundert russsische Spione, unsere Uniformen tragend, darunter einige Offiziere, schleichen sich in der Gegend herum und planen einen Überfall auf die Eisenbahnlinie. Strengste Aufmerksamkeit." Ich verabschiede mich von meinen erschrockenen Gastgebern, die erst jetzt erfahren, daß ich Offizier bin. Ich wickle einige Banknoten in Papier und lege sie aufs Fenster. „Für die Armen", sage ich etwas beschämt. Und noch ehe meine lieben Gastgeber dagegen protestieren können, bin ich draußen.