Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Simon Dubnow
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 601 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE ZEIT 601 SIMON DUBKOW, der vor kurzem sein 70. Lebensjahr vollendete, ist heute als der repräsentative jüdische Historiker allgemein bekannt. Sein Schaffen und Wirken reicht aber weit über diesen Rahmen hinaus, denn er darf mit Fug und Recht als einer der Pioniere der m o d e r n e n jüdischen Wissenschaft bezeichnet werden, jener, die das Judentum als lebendigen O r g a Ii i s m u s betrachtet und den Prozeß seiner Existenz nicht als abgeschlossen oder im Erlöschen befindlich ansieht. Das aber war, wenn auch nicht ausgesprochen, die Auffassung jener Wissenschaft des Judentums, die in den Zeiten der Aufklärung entstanden war und einzig ein fruchtbares Arbeitsfeld bebaute, ohne jedoch — auf Ernte zu hoffen. Erst die starken Lebensregungen der Juidenheit selbst offenbarten den Fehler, der darin lag, daß man Wissenschaft von einem sozusagen unkörperlichen Judentum trieb. Dubnow war einer der ersten, der neue, dem jüdischen Leben gemäße Bahnen wissenschaftlicher Arbeit einschlug. Aus dem jüdischen Osten (dem Gouvernement Mohilew) stammend, wo er die lebendigen Kräfte der Judenheit spürte, .suchte er einen diesem spürbaren, fühlbaren Leben entsprechenden Weg der Forschung; er fand ihn und wurde dadurch Wegweiser für die ganze Wissenschaft des Judentums, wirkte befruchtend und erneuernd und hat heute — wohl spät, aber doch in reichem Maße — Anerkennung in der ganzen jüdischen Welt gefunden. Schon seine ersten Monographien über die Bewegung des SabbataL Zwi, über Jakob Frank und seine Sekte, sowie die Studien zur Geschichte des Chassidismus, die er in russischer und hebräischer Sprache schrieb, behandeln die dargestellte Materie nicht rein pragmalisch, sondern s o z i o 1 o g i s c h; die Geschehnisse und Strömungen werden als Phänomene eines organischen Volkslebens sichtbar, nicht als bloI3e Emanationen einer rein geistigen Existenz. In der gleichen Weise behandelte Dubnow dann die Geschichte der Juden in Polen, Rußland und Litauen in grundlegenden Monographien, bis er dann zu seinem großen zehnbändigen Werk ,,A 11 g em eine G e s c h i ch t e des j ü d i sehe n Volkes" kam, das (unter dem Titel „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" aus dem russischen Original ins Deutsche, Hebräische, Jiddische, Englische und mehrere andere Sprachen übertragen) von grundlegender Bedeutung ist. Die soziologische Auffassung der jüdischen Geschichte, die in dieser Lebensarbeit Dubnows konsequent zum Ausdruck kommt, stellt sie über das große bedeutsame Werk von G r a e t z, der wohl gewissermaßen intuitiv die lebendige Kraft des geschichtsschöpferisehen Volkes spürte, aber aus den Anschauungen seiner Zeit doch im Geistesgeschichtlichen befangen blich. Es ist Dubnows unsterbliches Verdienst, die jüdische Geschichte so dargestellt zu haben, daß sie nicht nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, sondern auch — eine Z u k u n f i hat. Es ist selbstverständlich, daß dieser Gelehrte, dem das jüdische Leben auch in der historischen Betrachtung oberstes Gesetz ist, mit allen Äußerungen desselben stets in engster Verbindung stand und auch bis heute steht. Alle jüdisch-kulturellen Erscheinungen, alle sozialen und politischen Regungen sind seit je in den Kreis der Betrachtung und lebendigen Anteilnahme Dubnows einbezogen. Jüdische Wanderung, jüdische Literatur, Palästinabewegung und Galulhlehen hat Dubnow in zahlreichen Aufsätzen und Arbeilen mit starker Unmittelbarkeit behandelt. Er ist auch einer der Gründer der J ü d i s c h e n V o 1 k s p a r t e i, die noch im zaristischen Rußland die nationalkullurelle Autonomie für die jüdischen Massen forderte und bis heule in den osteuropäischen Staaten jüdischer Massensiedlung politisch wirkt. Meute lebt Dubnow in Berlin: dort arbeitet er an einer zweibändigen Geschichte, des Chassidismus, nimmt aber gleichzeitig wachsamen Anteil an allem, was die jüdische Welt bewegt Den stets bescheidenen Mann, der jetzt ins Patrinrchenalter tritt, umgibt die Liebe aller, für die Judentum Dauer bedeutet. —cyf.—