Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Brief aus Polen
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 580 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Mentioned entities
- Baku 1× ep/1000527
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580 MENORAH ein Bruder des kaukasischen Staubes ist. so gäbe es nur die Türme, die an Baku erinnern könnten. Aber der Staub ist da, weiß und außergewöhnlich dicht. Es ist, als wäre er nicht das zufällige Produkt aus Abfall und abgesonderter Körperlichkeit, sondern als wäre er ein selbständiges Element wie Wasser, Feuer und Erde und dieser weniger verwandt als etwa dem Wind, vor dem er in dichten Schleiern einher wirbelt. Er liegt wie Mehl, Puder oder Kreide auf der Straße und hüllt jedes Gefährt und jeden Fußgänger ein, als hätte er einen Trieb oder einen Willen. Er hat eine ganz besondere Beziehung zur Sonne, wenn sie brennt, als hätte er einen Aull rag, ihre Aufgabe zu vollenden. Und regnet es, so verwandelt er sich in eine aschgraue, leuchte, klebrige Masse, die in jeder kleinsten Höhlung zu einem grünlichen Tümpel gerinnt. In dieser Gegend also wird Petroleum gewonnen. Vor ein paar Jahrzehnten war Boryslaw noch ein Dort, heule leben hier etwa 30.000 Menschen. Eine einzige1 Straße —- ungefähr 6km lang verbindet drei Ortschaften, ohne daß man sehen könnte, wo die eine aufhört und wo die andere beginnt. Hart an den Häusern entlang zieht sich ein hölzerner Gehsteig, von kurzen stämmigen Pfählen gelragen. Ein Trottoir zu errichten ist unmöglich, weil Bohrt1 unter der Straße das Ol zum Bahnhof leiten. Der Unterschied zwischen dem Niveau des Gehsteigs und der Fahrbahn, aber auch der kleinen Häuser ist ein erheblicher, und der Fußgänger erreicht oder überragt die Dächer der Häuser und sieht aus schräger Höhe in die Fensler. Alle Häuschen sind aus Holz. Nur einige Male unterbricht ein größeres Haus aus Ziegeln, weißgelüncht und von steinernem Aspekt, die triste Reihe der schiefen, faulenden und zerbröckelnden Behausungen. Alle sind sie über Nacht entstanden: zu einer Zeit, als sich der Strom der Naphlhasueher hieher zu ergießen begann. Es ist, als hatten diese Breiter nicht menschliche Hände hastig aneinandergefügt, sondern als hätte der Atem der menschlichen Gier zufällige Materialien zufällig zusammengeweht, und kein einziges dieser flüchtigen Heime scheint dazu bestimmt, schlafende Menschen zu beherbergen, sondern die Schlaflosigkeit aufgeregter zu erhalten und zu verstärken. Der ranzige Geruch des Öls, ein stinkendes AVunder. hat sie herbeigezogen. Die selbst geologisch unberechenbare Sinnlosigkeit unterirdischer Gesetze erhöhte die Spannung des Gräbers zur Wollust, und die unaufhörlich akute Möglichkeit, durch kaum 300 Meter von Goldmilliarden getrennt zu sein, mußte einen Raiisch erzeugen, stärker als der Rausch des Besitzes. Und obwohl alle der Unberechenbarkeit einer Lotterie und eines