Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Der Weltkrieg als ein Wendepunkt im sozialen und wirtschaftlichen Leben des Ostjudentums
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 570 (sequence 14)
- Language
- German
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570 M E N O II A II dung mit den jüdischen Massen, doch wälzte man gerne die Verantwortung für alles Unglück auf die Juden ah. Das Wachsen der antisemitischen Stimmungen steht auch in engster Verbindung mit der allgemeinen Verrohung der Bevölkerung, die durch den Weltkrieg und Bürgerkrieg verursacht ist; andererseits aber hat das Wallen einer diktatorischen Regierung, die zu schroffsten Gewaltmitteln immer zugreift und alle Institutionen des Rechtsstaates grundsätzlich ablehnt, zur weiteren Verrohung der Bevölkerung sehr viel beigetragen. Das Wachsen des Antisemitismus ist aber auch mit der neuen wirtschaftlichen Lage der Juden eng verbunden. Die Eingliederung der Juden in die große kommunistische Bureaukratie und in die Fabrikarbeiterschaft schafft viel mehr Reibungsflächen zwischen ihnen und ihren Mitbürgern als früher, als die Juden in Unternehmertum, oder in der Kleinindustric vornehmlich tätig waren. Die Industriearbeiter, die vor dem Kriege vom Antisemitismus fernblieben, sind jetzt von ihm stark verseucht. Er tritt oft in schroffsten Formen zu Tage. Die Regierung scheint den Antisemitismus ernst bekämpfen zu wollen. Sie kann aber nur seine äußeren Erscheinungsformen unterdrücken; das Wesen des Bolschewismus ist aber keineswegs dazu an getan, die Bevölkerung zu Rechtmäßigkeit und zu Duldsamkeit zu erziehen. Dem russischen Judentum droht die Gefahr, sich in Schulz juden zu verwandeln, -— eine erniedrigende Lage, die im Westen den Untergang der Juden im Mittelalter besiegelte. Die Flucht vieler Juden aus den Städten des gewesenen Ansied - lungsgebietes, wo ihre wirtschaftliche Lage ganz hoffnungslos ist, nach den Großstädten und die Eingliederung eines Teiles von ihnen in die Bureaukratie und die Arbeiterklasse sind Faktoren, die zu ihrer schnellen Assimilation führen. Das wird aber absichtlich von der Sowjet regierung nicht erstrebt; sie rechnet in gewissen Grenzen mit der nationalen Selbstbestimmung der Völker. Daher wird auch das Jiddisch im kommunistischen Staate geschützt und sogar gepflegt. Diese Grenzen der Selbstbestimmung sind aber sehr eng gezogen, denn die ganze Kultur der Gesellschaft muß auf dem Dogma des Kommunismus aufgebaut werden. Alles, was mit diesem Dogma nicht übereinstimmt, wird mit inquisitorischen Methoden ausgerottet. Diese Politik ist für eine Nation, die ihr Geistesleben auf alten historischen Kulturtraditionen aufgebaut hat, besonders verhängnisvoll. Die jüdische Religion, die hebräische Sprache, der Zionismus werden scharf verfolgt. Dabei ist jede Verbindung des russischen Judentums mit dem Welt Judentum abgerissen, es bleibt vollkommen isoliert. Unter solchen Bedingungen