Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Juden sollen Bauern werden!
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 292 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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292 M E N O R A H grüner Teppich aus. Milch und Butter hatten wir damals zur Genüge und wir erwarteten Küchlein. Diese Botschaft brachte uns meine Frau, sie habe selbst unter der Glucke die Küchlein zwitschern hören, erzählte sie. Die Leser dieser Zeilen werden mich auslachen. Denn welchen Wert sollte eine Glucke mit Küchlein bei ihnen haben? Aber uns, die wir fern unserer Heimat und einsam wie ein Fels im rauschenden Meer waren, war jedes Wesen, jedes lebendige Geschöpf ein wertvoller Besitz, das unser Leben versüßte. Überdies muß bemerkt werden, daß wir uns jede kleinste Kleinigkeit mit unserem Herzblut und mit saurer Mühe erkaufen mußten. Glaubt ihr etwa, daß wir uns die Küchlein leicht erwerben konnten? Dann seid ihr sehr im Irrtum. Wo Geflügel nehmen in dieser öden Gegend? Das hat seine eigene Geschichte: Ber, ein aufgeschossener, hagerer Bursche aus Litauen, mit einem verfilzten Schopf, der nie einen Kamm gesehen, war unser erster, zu historischer Berühmtheit gelangter Geflügelhändler. Er hatte sich in die Ferne aufgemacht, bis zu den halbwilden Nomaden, und mit ihnen einen regelrechten Tauschhandel gepflegt, denn Geld hatte damals niemand besessen! Er nahm von uns Tabak, Zucker und andere Artikel, die wir aus dem Magazin bekamen, und tauschte sie bei den Wilden gegen Geflügel, Eier, Strauße und junge Hirsche ein. Ich habe für das erste Hühnerpaar, das bereits Küchlein ausgebrütet halte, eine ganze Monatsration an Tabak gegeben. Begreift ihr wohl? Den Tabak! In kurzer Zeit wogte es um uns von Leben. Um unsere Hütte rauschte und summte es von lebendigen Geschöpfen. Mein ..Giinko" hatte mit dem jungen Hirsch Freundschaft geschlossen, und beide lagen friedlich nebeneinander. Giinko pflegte bloß oft die Zähne vor Neid zu fletschen, wenn der Hirsch, dem wir den Namen ,.Zwi;' gaben, aufgerufen wurde; und der Hirsch spürte instinktiv, daß der Ruf ihm gegolten habe, er kam wedelnd herbei und leckte einem die Hand. Und das ging Giinko denn doch über die Hutschnur — er hatte ja eine Hundeseele! Wir hatten auch einige junge Strauße an unser Haus gewöhnt, dazu kamen noch die jungen Kälber der Milchkühe, und so war unser Viehstand immer größer geworden. Wenn wir so draußen saßen und ,.Mate" tranken, schwoll unser Herz vor Freude. Aber diese Freude wurde manchmal auch von Ärger getrübt. Unser Weizen war bereits etwa 30 cm hoch geworden, als eines Nachts