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Menorah · 1930-03-01 · Heft 3-4 (März 1930) · p. Seite 202

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 3-4 (März 1930)
Article
Samuel Butler: Der Weg alles Fleisches [Rezension]
Date
1930-03-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 MENO R A II Feststellung hinaus ist es erstaunlich, wie modern Rullers Probleme heule sind: gewisse Maximen scheinen aus der psychologischen Einsicht der Gegenwart heraus gewonnen zu sein. Aber auch in formaler Beziehung und was technische und thematische Details anbelangt, könnte manches in Bullers Roman von Beinard Shaw stammen, der übrigens zu seinen eifrigsten Bewunderern zählt. Bei dieser Gelegenheit kann man nicht umhin, neidvoll festzustellen, wie wundervoll geschlossen die Entwicklung des englischen Romans ist auch die französische Prosa hat eine ähnlich feste Tradition — während die Entwicklung der deutschen Erzählungsliteralur diffus und gebrochen ist und nur vom Literaturhistoriker überschaut werden kann. Mit Vergnügen kann man bei dem großen Moralisten Butler die Erbschaft der großen englischen Erzähler des 1<S. Jahrhunderls (deren Einfluß auf den gesamteuropäischen Roman ja ungeheuer war) herausfühlen, während vieles, und gerade das. was seine Wiederenldcekung begreiflich macht, aus der viklorianischen Ära. in der er lebte, bis zu Erscheinungen wie Bernard Shaw. Chesterton und Belloc führt. E. W. HENRI HERTZ: LEN1JLVEMENT SANS AM AMT (Entführung ohne Liebhaber). Paris 1929. Les edilions Rieder. Flucht — ist in der modernen Literatur oft der Weisheit letztes Wort. Nicht etwa die Flucht aus unerträglichen Verhältnissen; aus Not oder Angst. Denn wie erschütternd solch' unglückliche Fügung des Schicksals auch sein mag, es ist doch nur ein Einzelfall, ein Zufall. Was aber unsere Dichter meinen, ist etwas ganz Allgemeingültiges und eine Notwendigkeit des Lebens. Daß nämlich jede, auch die wonnereichsle Seßhaftigkeit und Beständigkeit, daß jede Wiederholung, ja jedes vergangene Erlebnis um uns die Bande der Gewohnheil schlägt, die uns den freien Blick ins Leben nimmt und uns zu Gefangenen hinter dicken Mauern macht — dies isi eines der bittersten Erkenntnisse und eine der bedrückendsten Empfindungen des modernen Menschen. Flucht. Veränderung gilt als die Rettung. Flucht in die Wildnis, ins Abenteuer, in Gefahren, in alle jene Situationen, die die versteinerte Oberfläche sprengen und dem armen vermauerten, gefangenen Ich zum Leben verhelfen. Henri Hertz, der in einem seiner früheren Werke — ..Sorlies" — eine Reihe solcher Eruptionen schilderte, wo plötzlich — in gesegneten Momenten der Lebenssleigerung oder auch in traumhaften Zuständen — in verschütteten Tiefen sich die Seele eines Menschen zu regen und hervorzuquellen beginnt, schuf in seinem lelzlerschienenen ..Enlevemenl saus amanl" eines der schönsleu und bestimmt das eigenartigste all der vielen Fluchtbücher unserer neuen verkappten Romantik. End hätte es nicht jenen Grad von Vergeisligung erreicht, in dessen Kristallinischer Atmosphäre keine Traurigkeil aufkommen kann, dann wäre es auch sicherlich eines der melancholischesten. der traurigsten. Dieses Buch scheint aber in einem ..Anfall von Quintessenz'' geschrieben zu sein und wirkt deswegen so befreiend und so frei von jeder Erdenschwere wie sonst nur ein mathematisches Problem oder — ein vollkommenes Gedicht. Es enthält alle Elemente seines Themas in vollständiger Zusammenfassung und prinzipieller Prägung. So erzählt es die Flucht einer geliebten und liebenden Frau aus einer durchaus glücklichen Ehe. die Flucht, um die es sich hier handelt, ist also jene ..reine Flucht", aus purem Bedürfnis, die rostende Seele wieder flügge zu machen. Es zeigt weiter, wie diese Flucht eigentlich eine Flucht ohne Ende sein müßte und jedenfalls eine Flucht ohne Aussicht ist, da wir so tief vom taglägliehen Gelriehe unterjocht sind, daß „der Entschluß zu fliehen schon den ersten Schritt der Rückkehr bildet". Es führt durch ein ungemein gewagtes und meisterlich durchgeführtes ständiges Abwechseln des Spielraumes, der einmal in die äußere Wirklichkeit und' dann wieder in die Seele der sie erlebenden Menschen verlegt wird, vor

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